Günter Grass will sich überraschen lassen, wenn einer seiner Romane verfilmt wird – mit den „Unkenrufen“ ist das gelungen
Wider die Entfremdung

Zeitlebens hat sich der am 16. Oktober 1927 in Danzig geborene Günter Grass um die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen bemüht. Aus seiner Erzählung „Unkenrufe“ ist nun ein Film in deutsch-polnischer Koproduktion entstanden.

Als einer der wichtigsten Schriftsteller der Nachkriegszeit nahm Günter Grass nicht nur mit Erfolgsromanen wie der „Blechtrommel“, „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ auf die öffentliche Meinung Einfluss, sondern auch durch sein politisches Engagement, vor allem bei Wahlkämpfen für die SPD, der er von 1982 bis 1993 sogar angehörte.

1992 veröffentlichte er seine Erzählung „Unkenrufe“ über die zärtliche Annäherung zwischen einem Deutschen und einer Polin in Danzig, die beide als Kind aus ihrer Heimat fliehen mussten.

Aus ihrer Liebe und Verbundenheit wächst die Idee, einen Versöhnungsfriedhof zu gründen, um Vertriebenen die Möglichkeit zu geben, in Heimaterde begraben zu werden. Nun ist daraus ein Film in deutsch-polnischer Koproduktion entstanden. Unter der Regie des Polen Robert Glinski spielen hochkarätige Schauspieler wie Matthias Habich und Krystyna Janda in den Hauptrollen sowie Udo Samel, Joachim Król und Dorothea Walda in Nebenrollen.

Zur Premiere des Films am letzten Wochenende in Danzig kam auch Günter Grass, der sich sehr zufrieden zeigte. „Seit der Blechtrommel habe ich es mir angewöhnt, meinen Roman erst mal zu vergessen, wenn ich den Film dazu sehe. Ich will mich überraschen lassen, was auf der Leinwand geschieht.

Insgesamt habe ich aber in ,Unkenrufe’ meine Erzählung wieder erkannt. Tendenz und Problematik sind vorhanden, aber auch der Humor und der ironische Umgang mit den Klischeevorstellungen über Deutsche und Polen.“

Der Film hat ihm wohl gefallen, doch einen Einwand kann er sich dann doch nicht verkneifen: „Sobald es zu Rückblenden in die Nazizeit und die sozialistische Jugendzeit der beiden Hauptfiguren kommt, wirken alle wie kostümiert. Aber das geht mir bei anderen Filmen, die in die Vergangenheit blenden, nicht anders.“ Entscheidender ist jedoch, dass die Verfilmung dazu beitragen kann, Deutsche und Polen ein Stückchen näher zu bringen. „Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist in den letzten zehn Jahren entspannter geworden. Man kann aber nicht sagen, dass es sich normalisiert hat“, meint Grass.

Annäherungen gibt es zumeist im privaten Bereich, wie sie Grass in „Unkenrufe“ beschreibt. In der Geschichte wird der Wille zur Völkerverständigung allerdings durch geldgierige Bauunternehmer, prestigegeile Stadtväter und fanatische Kirchenvertreter gestört, die mit der Gründung eines Versöhnungsfriedhofs nur noch ihre eigenen Interessen vor Augen haben.

Grass sieht Parallelen in der Politik: „Mir kommt es immer wieder so vor, als wolle man die Entfremdung zwischen Polen und Deutschen am Leben erhalten. Ich halte etwa die Idee, ein Forschungszentrum über die Vertreibung von Menschen im 20. Jahrhundert zu gründen, für gut. Falsch wäre es jedoch, diese Idee allein durch deutsche Initiative mit einem Standort in Berlin umzusetzen.“

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