Gurlitt
Cornelius Gurlitts Offensive

Die jüngst frei geschaltete Internetseite des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt erläutert rechtliche Hintergründe und die Struktur der Sammlung. Es fehlen jedoch Informationen über einst in Frankreich getätigte Erwerbungen.
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BerlinLange Zeit hat Cornelius Gurlitt auf die Beschlagnahme seiner Kunstsammlung im Februar 2012 öffentlich nicht reagiert und auch zur Verwunderung vieler auf einen anwaltlichen Beistand verzichtet. Kurz vor Weihnachten bestellte das Amtsgericht München Rechtsanwalt Christoph Edel, der eine Zeitlang übrigens auch Gustl Mollath vertreten hatte, als vorläufigen Betreuer für Cornelius Gurlitt. Seitdem beschäftigt Gurlitt einen ganzen Beraterstab von mittlerweile drei weiteren Anwälten (zwei Strafrechtler und ein Zivilrechtler) sowie einen Experten für Reputationsmanagement. Dieser initiierte nun jüngst auch eine eigene professionell aufgemachte Internetseite, die unter www.gurlitt.info Hintergründe, Fakten und Argumente zur Causa Gurlitt erläutert.

Der Vorstoß und der ausdrückliche Wunsch, „die Diskussion in Zukunft stärker zu versachlichen“ sind generell sehr zu begrüßen. Neben einer Chronologie der Geschehnisse stellt die Seite auch die Struktur der Sammlung, die rechtlichen Hintergründe, die wichtigsten Fragen und Antworten sowie ausgewählte Stimmen zum Disput dar. Sogar ein Formular für mögliche Anspruchsteller enthält die Seite. Das Informationsangebot ergänzt eine Liste mit Links zu den wichtigsten Beteiligten wie der Staatsanwaltschaft Augsburg, dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz, der „Taskforce Schwabinger Kunstfund“, der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg, der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ und der Arbeitsstelle für Provenienzforschung.

Ankäufe in Frankreich

Dass die Seiten vorrangig die Position und die Interessen von Cornelius Gurlitt erläutern sollen, ist nur allzu verständlich. Lesenswert sind die Ausführungen zu den rechtlichen Hintergründen und zur Struktur der Sammlung. Problematisch sind allerdings die fehlenden Informationen. Es befremdet vor allem, dass die diversen Ankäufe des Vaters, Hildebrand Gurlitt, in Frankreich während der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1945 mit keinem Wort erwähnt werden. Dass Hildebrand Gurlitt die Kunstwerke „legal im Wege des Kaufes und Tausches vom deutschen Reich erworben“ habe, dürfte nur auf einen Teil dieser Werke zutreffen. Nach der so genannten Londoner Erklärung von 1943 sind alle Rechtsgeschäfte, die verfolgte Personengruppen während der Besatzungszeit in Frankreich betrafen, unwirksam. Vor diesem Hintergrund dürfte ein Großteil der, wenn nicht sogar sämtliche Ankäufe Hildebrand Gurlitts in Frankreich nichtig sein, mit der Folge, dass auch Cornelius Gurlitt sie an die Erben der vormaligen Eigentümer herausgeben müsste.

Eines der bei Gurlitt aufgefundenen Gemälde, die „Femme Assise“ von Henri Matisse stammt nach derzeitigem Kenntnisstand zweifelsfrei aus der Sammlung Paul Rosenberg. Über eine Rückgabe verhandelt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung aktuell mit Rosenbergs Erben. Viele dieser von Hildebrand Gurlitt im besetzten Frankreich auf eigene Rechnung erworbenen Kunstwerke scheint er 1954 im Rahmen einer Ausstellung des Essener Museum Folkwang in der Villa Hügel gezeigt zu haben. Dass sie nicht in den Beschlagnahmelisten des US-amerikanischen Central Collecting Point auftauchen, mag auch daran liegen, dass Gurlitt nach dem Krieg zugab, viele Werke zum Schutz in einer Wassermühle eingemauert zu haben.

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