Gustav Klimt
Versteigerung nach langem Einigungsprozess

Am 24. Juni kommt bei Sotheby’s in London Klimts Porträt Gertrud Loew-Felsövanyi unter den Hammer. Voran gingen jahrelange Verhandlungen für einen Vergleich zwischen der privaten Klimt-Stiftung und den Erben nach Felsövanyi. Das Gemälde soll zwischen 17 und 25 Millionen Euro einspielen.
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WienGemessen an den in den vergangenen Jahrzehnten von Gustav Klimt auf dem internationalen Kunstmarkt gehandelten Ölgemälden, sind Porträts die große Ausnahme geblieben. Denn das Gros solcher einstiger Auftragswerke befindet sich in unveräußerlichem Museumsbesitz. Jene Bildnisse, die wie das unvollendete „Ria Munk II“ von 1917/18 (Lentos Museum Linz, 2010, Christie’s: 18,8 Millionen Pfund) oder „Adele Bloch-Bauer II“ von 1912 (Belvedere Wien, 2006, Christie’s: 87,93 Millionen Dollar) zur Versteigerung gelangten, waren zuvor Gegenstand von Rückstellungen an Erbengemeinschaften jüdischer Vorbesitzer.

Vor einem vergleichbaren Hintergrund versteigert Sotheby’s in London am 24. Juni 2015 nun das Porträt Gertrud Loew-Felsövanyi. Der Unterschied liegt allerdings im Detail: Das Gemälde wurde nicht restituiert, sondern ist Gegenstand eines Vergleichs von Privatparteien. Demnach soll das Bild versteigert und der Erlös amschließend zwischen der Klimt-Foundation als Eigentümer und den Erben nach Felsövanyi aufgeteilt werden.

Selten wird aus Privatbesitz restituiert

Dies ist eine „faire und gerechte Lösung“ im Sinne der Washingtoner Erklärung (1998), so die offizielle Diktion. Denn sie berücksichtigt besonders auf Erbenseite Ansprüche, die mangels Gesetzgebung juristisch nicht durchsetzbar wären. Auch in Österreich nicht, wo Bundesbesitz seit 1998 dem Kunstrückgabegesetz unterliegt und man sich auf Länderebene daran orientiert.

Geht es um Privatbesitz, auch solchen, der sich in Beständen von Privatstiftungen (u.a. Leopold Museum) befindet, sind Einigungen weltweit die große Ausnahme geblieben. Dem aktuellen Deal waren aus historischer Perspektive jahrelanges Schweigen und zuletzt monatelange Verhandlungen voran gegangen.

Blasslila Seidenbandstreifen

Die Geschichte zu diesem Bild beginnt im Jahre 1902. Anton Loew, Eigentümer des größten Privatsanatoriums in Wien, war auch Kunstsammler und gehörte zu den frühen Förderern der Wiener Secession. Er beauftragt Gustav Klimt mit einem Porträt seiner 19-jährigen Tochter Gertrud. Als das hochformatige Gemälde 1903 in der Secession erstmals öffentlich zu sehen ist, reagieren Kritiker begeistert: „Die duftigste Lyrik, deren die Palette fähig ist“, schrieb Ludwig Hevesi, so „rein hingehaucht mit den vier blasslila Seidenbandstreifen“ längs des „knittrigen Kleides“.

In den Jahren danach gastierte das Gemälde bei Ausstellungen in Dresden, Berlin, Zürich oder Wien und zierte sonst den Salon im Palais Loew. Dort sah es Anthony Felsovanyi, Gertruds Sohn aus ihrer Ehe mit dem ungarischen Industriellen Elemér Baruch von Felsövanyi im Juni 1938 das letzte mal vor seiner Flucht in die USA. Das Sanatorium wird arisiert und im April 1939 flüchtet schließlich auch seine Mutter.

Beweismittel Rippenzahl

Was mit dem Porträtgemälde und anderen Kunstwerken – laut Vermögensanmeldung im Wert von 48.000 Reichsmark (RM) – in den Monaten und Jahren danach passierte, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Gewiss ist nur, dass Gertruds Bildnis spätestens 1941 im Besitz des NS-Propagandafilmregisseurs Gustav Ucicky auftaucht, der als leidenschaftlicher Sammler von Klimt-Werken bekannt war.

Eine Art Kompensation? Möglich, denn Ucicky dürfte Klimts unehelicher Sohn gewesen sein, auch wenn der Künstler die Vaterschaft nie anerkannte. Zum Nachweis seiner arischen Herkunft hatte Ucicky der UFA ein passendes anthropologisches Gutachten vorgelegt. In diesem ging es um eine von Klimt weithin bekannte Anomalie: der 23-rippige Gustav senior galt damit als „natürlicher“ Vater des 23-rippigen Gustav junior.

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