Gute Stummfilme sind mehr als Nostalgie
Unikate in Schwarz-Weiß

Comeback für den Mann am Klavier: Die Renaissance der Stummfilm-Konzerte begeistert Kino- und Musikfans.

Kino für ein großes Publikum ist heute eine starbesetzte und computeranimierte Materialschlacht. Abseits der Kassenschlager aus Hollywood aber hat sich eine Szene etabliert, die zu den Wurzeln zurückgeht und doch mehr ist als ein Tummelplatz für Cineasten: Stummfilm-Konzerte haben eine breit gefächerte Fangemeinde erobert. Dank der Live-Musik ist jede Aufführung ein Unikat. Die Palette derer, die Filme mit Musik zum Leben erwecken, reicht vom Mann am Klavier bis zu Ensemblen wie den Pet Shop Boys mit Symphonikern.

Gute Stummfilme sind mehr als Nostalgie. Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ gilt gar als bester Film aller Zeiten. Die Unesco nahm Fritz Langs „Metropolis“ in ihr „Memory of the World“-Programm auf. Allerdings wurde auch manches Meisterwerk des Stummfilms bei der Premiere verrissen. Wie Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“ von 1926. Der Titelheld? „Undiskutabel schlecht“, urteilte „Die Welt am Abend“ ungnädig. Mephisto? „Eine Karikatur.“ Das Gretchen? „Ungünstig photographiert."

78 Jahre später findet der Film in der Berliner Passionskirche trotzdem ein gebanntes Publikum. Es leidet mit Gretchen, lacht über den augenrollenden Teufel der Filmlegende Wilhelm Jannings und schmunzelt beim unfreiwillig komischen Ende, als Faust und seine Geliebte im Zeitlupentempo vom Scheiterhaufen in den Himmel schweben.

Mit den Schlussbildern verklingen die letzten Klavierakkorde von Stephan von Bothmer. Der Pianist ist extra für diesen Auftritt zurück in seine Heimatstadt gekommen. Denn parallel zum Filmabend läuft in Italien das Festival „Le Giornate del Cinema Muto“. Dort trifft sich die Elite der Stummfilmpianisten. Untern ihnen auch der Freiburger Günter A. Buchwald, der in Deutschland die Renaissance des Stummfilms mitinitiierte.

Stephan von Bothmer hatte sich als einer von weltweit nur vier Nachwuchspianisten für das Festival qualifiziert. Die Einladung nach Italien ist der bisherige Höhepunkt der Karriere des 33-jährigen Musikers, der seit seinen Studententagen Stummfilme vertont. Für Musiker ein Genre, das ihnen viele Freiheiten lässt. Anders als bei heute gedrehten Streifen gibt es zu den wenigsten Stummfilmen feste Soundtracks. Von Bothmer: „Zur Uraufführung wurde manchmal Musik geschrieben. Schon wenn der Film ins nächste Kino kam, wurde sie nicht mehr gespielt. So machen wird das heute noch: Wir schöpfen jedes Mal eine neue Musik.“

Die Improvisation ist die gängigste Ausdrucksform. Während ein Pionier wie der 100 Jahre alte Berliner Willy Sommerfeld – der einzige noch lebende Pianist der Stummfilmzeit – live zum Film improvisiert, aber auf Themen des klassischen Klavierrepertoires zurückgreift, ist die Generation von heute abenteuerlustiger. Zu einem Film zu spielen, den man vorher noch nie gesehen hat, ist keine Seltenheit. Von Bothmer bevorzugt den Mittelweg: Er kennt den Film. Bei der Aufführung greift er trotzdem völlig frei in die Tasten. „Das hat den Vorteil, dass man schon von der ersten Sekunde an die Grundaussage und die Stimmung des Films kennt.“

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