Händlermargen
Falsche Scham

Hierzulande fühlen sich Kunsthändler ertappt, wenn sie ihre Einstandspreise veröffentlicht sehen. Zu Unrecht. Ein Plädoyer für mehr Kaufmannsstolz.
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MünchenEs gab Zeiten, da hatten die Kunst- und Antiquitätenhändler das Sagen im Parkett. Weit über die Hälfte der Interessenten und Bieter in einer Auktion handelte. Der Rest waren erfahrene Sammler, denen das Prozedere nicht Wagnis mit unvorhersehbarem Ausgang war. Man war noch bis weit in die 1980er-Jahre mehr oder weniger unter sich. Das führte dann schon mal zu dem einträglichen Brauch der sogenannten „Kippe“: der einschlägige Handel einigte sich hauptsächlich vor Spezialauktionen. Die Konkurrenten verteilten quasi das Fell des Bären, bevor der erlegt war, und vereinbarten, sich nicht allesamt ins Bietgefecht zu stürzen und die Ergebnisse unnötig in die Höhe zu treiben. Jeder sollte was vom Kuchen abbekommen, die anderen legten derweil die Hände mit den Bieterkarten in den Schoß. Der Auktionator auf dem Pult bemerkte das mit Grausen, musste das verbotene Spiel jedoch wohl oder übel mitmachen. So viel Einigkeit herrschte freilich nicht immer, war ja auch recht mühsam, das alles schön und wasserdicht abzusprechen.

Dem Käufer, der sein begehrtes Stück gefunden hat, kann's im Grunde völlig egal sein, wie, wo und zu welchem Einstandspreis es nun auf die Messe gekommen ist. Den aufmerksamen Flaneur freut sein gutes Gedächtnis, wenn er auf seinen Streifzügen durch die kunstsinnig arrangierten Geschäftsräume der Kunst- und Antiquitätenhändler Werken begegnet, die er aus Auktionen oder wenigstens den dazugehörigen Katalogen kennt. Ein Déjà-vu, das sich naturgemäß dadurch unterscheidet, dass der jetzige Preis mit dem pflichtgemäß öffentlich bekanntgegebenen Hammerpreis nicht mehr viel gemein hat.

Die von vielen Händlern als verhängnisvoll bewertete, durch das Internet zusätzlich geförderte Transparenz der Auktionshäuser hat zunehmend das Arkanum der Kalkulation des Einzel- und Spezialhandels - also dessen heilige Marge - preisgegeben. Das gefällt vielen nicht, ihre Souveränität ist gefordert.

Selbstverständlich nimmt sich diese Marge beim ersten Hinsehen höher aus, als sie tatsächlich ist, der Hammerpreis ist nur ein Teil der Gestehungskosten. Hinzu kommen Aufgelder, Versicherungen, Transportkosten, Restaurierungskosten. Auch das vielleicht auf längere Zeit gebundene Kapital kostet. Der Kaufmann will Gewinn machen, guten Gewinn, der ihm ein Polster für Neuanschaffungen ermöglicht. Und ein gutes Leben, das ist nämlich nichts Anrüchiges. Freilich ärgert sich der Sammler, dass er diesen Aufschlag gleichsam als Sold für seine Unachtsamkeit - er hätte das Stück ja auch in der Auktion erwerben können - zu entrichten hat.

Warum aber werden die Händler so ungern „ertappt“? Wo bleibt da der Kaufmannsstolz? Ein attraktives Geschäftslokal, gut bezahlte Mitarbeiter, exquisite Ware - gibt es irgendeinen Grund zur Rechtfertigung? Andernorts pflegt man bevorzugt den Umgang mit den Erfolgreichen. Hierzulande grübelt man lieber, ob sich da nicht irgendwo fürchterliche Abgründe auftun. Es geht auch anders, der selbstsichere Profi wird, darauf angesprochen, stolz als Kompliment verbuchen, dass er es war, der siegreich aus dem einstigen Bietgefecht hervorgegangen ist. Schließlich verweist er damit auf Kompetenz in vielerlei Hinsicht.

Ohnehin wird die Händlerschaft nicht müde, auf die vergleichsweise geringe gesetzliche Gewährleistung der Auktionatoren hinzuweisen (ein weiterer Punkt, der in die Marge einfließen muss) und auf die auktionsimmanente Tatsache, dass Wissenslücken des Hauses durch die kenntnisreichen Bieter wettgemacht (quasi honoriert) werden, die ein verkanntes Kunststück am Ende auf ein Vielfaches der Taxe treiben. Eine Fehleinschätzung ihrerseits, so die Händlergemeinde, koste einfach nur Geld. Wohl wahr.

Der Einzelkämpfer wird sich aber gern an dieses wunderbare Gefühl erinnern, als er eine Rarität entdeckte und sie sich vor den Augen der Kollegen, Fachleute und Sammler mit nur geringem Einsatz sichern konnte. Das mit der „Kippe“ funktioniert in diesen Zeiten sowieso nicht mehr: zu viele erfahrene und einsatzbereite Sammler in den Auktionen, für die es nicht einen einzigen Grund zur Absprache gibt. Könnte auch ein Grund für den Rochus der Kunst- und Antiquitätenhändler sein.

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