Handy – 13 Geschichten in alter Manier
Wortwitz, der keine Worte mehr braucht

Können Bären Fahrrad fahren? Handys Paare trennen? Und wie ist es mit der Liebe? Ein Gefühl, das mit der Zeit kommt? Oder schafft sie den Raum, um das Gefühl zu entdecken? Fragen, die uns der Träger des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse beantwortet.

LEIPZIG. Fragen, die zwischen den Zeilen der 13 Erzählungen auf 280 Seiten aufkommen, die Ingo Schulze als Teile eines Ganzen in seine Geschichten einfügt oder die ein Ganzes bilden. Meistens ist es auf traurige Weise komisch, mindestens aber mit Wortwitz versehen.

Wenn Schulze zu erzählen beginnt, verzichtet er meist auf Andeutungen, die das Ende verraten könnten. Dadurch werden die Situationen, Augenblicke und Begebenheiten unvorhersehbar und originell. So entscheidet sich einer seiner Protagonisten nach der Silvesternacht von 1999 für eine Liebe, die er anscheinend selbst nicht kannte - für den Leser eine überraschende, aber nachvollziehbare Handlung.

Beim "Berlin Bolero" beherrscht die Traurigkeit der Situation den Lesetakt. Die Liebe eines Paares steht auf Messers Schneide: Beim Lesen ist die Schärfe der Klinge genauso spürbar wie der lange Atem der Resignation, von dem man weiß, dass er bleibt. Immer wieder streut Schulze Hoffnungsakzente in diesen Tanz: Der Leser erfährt zum Beispiel in eingeflochtenen Rückblicken, wie gut sich beide kennen. Trotzdem muss er bangen, denn schließlich beschreibt der Autor das Leben. Und das folgt seinem eigenen Rhythmus.

Eine gewisse Eintönigkeit steckt "In Estland auf dem Lande": Sie steht im Widerspruch zu der Inspiration, die von diesem Flecken Erde ausgehen soll. Zumindest haben schon andere Künstler dort Inspiration erfahren. Und die erwartet auch die Umgebung des agierenden Schriftstellers von ihm: Eine Geschichte aus Estland müsse doch drin sein. So wirkt die Geschichte an manchem Stellen auch etwas gequält: wie ein Erlebnisbericht etwa - mit relativ wenig Erlebtem. Wären da eben nicht diese Ehrlichkeit, mit der er über den Druck von Außen schreibt. Und der Bär, der Fahrrad fährt.

Genauso wenig kann sich der Ich-Erzähler der Titelgeschichte "Handy" vorstellen, überall erreichbar zu sein. Er besitzt zwar ein Handy, nutzt es aber nur, um anzurufen. Nicht andersherum. Dieses Privileg, also seine Nummer, besitzt nur seine Frau. Bis er im Urlaub Harald Neumann begegnet. "Dass wir Nachbarn waren, keine Dreihundert voneinander entfernt, macht die Sache nur noch phantastischer. Anstelle von Neumann sagte eine Frau: ,Das ist die Mailbox von?, eine Pause folgte, und dann hörte ich in galaktischer Verlorenheit die Worte ,Harald Neumann?. Eine Gänsehaut zog sich meine Arme hinauf bis zu den Schultern. Natürlich wirken auch Freunde auf ihren Anrufbeantwortern oft verstört oder niedergeschlagen. Aber Neumann klang nicht nur deprimiert, sondern als schämte er sich, überhaupt einen Namen zu tragen." Wortwitz, der keine Worte mehr braucht.

Weitere Geschichten liest Ingo Schulze auf der Leipziger Buchmesse. Das Buch "Handy - 13 Geschichten in alter Manier" kostet 19,90 Euro und ist im Berlin Verlag erschienen.

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