Hanne Darboven
Buchhalterin der Zeit

Das Lebenswerk von Hanne Darboven hat enzyklopädische Ausmaße. Deshalb taten sich die Bundeskunsthalle in Bonn und das Haus der Kunst in München zusammen, um sechs Jahre nach dem Tod der Künstlerin eine Retrospektive zu stemmen. Ergebnis ist eine Ausstellung vom Charakter eines synästhetischen Gesamtkunstwerks.

BonnImmer wird gesagt, das künstlerische Werk von Hanne Darboven (1941-2009) sei so unzugänglich. Dabei fallen einem als Erstes hunderte, dicht an dicht hängende, gerahmte DIN-A-4-Seiten ein, auf denen progressive Ziffernfolgen aus komprimierten Datumsrechnungen und ausgeschriebene Zahlworte, leere Kästchen und wortlose Wellenlinien ein serielles, graphisches Muster bilden. Zu dieser eher spröden Konzeptkunst passt das asketisch-verschlossene Erscheinungsbild der Hamburger Künstlerin, ihre millimeterkurz geschnittenen Haare, ihr männlicher Habit mit Uhrkette, Weste und langer Hose.

Welch eine Überraschung offenbart die große Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn, die, gemeinsam mit dem Haus der Kunst in München ein alle Sinne ansprechendes Lebenswerk ausbreitet, eine Art Gesamtkunstwerk aus Gezeichnetem, Gerechnetem und Geschriebenen, aus Komponiertem, Gefilmten und Gesammelten. Und im Zentrum steht in Bonn Darbovens Schreibtisch aus dem Atelier mit allem, was sie dort noch kurz vor ihrem Krebstod für die Nachwelt arrangierte.

Leben mit Ziegen

Das wichtigste hat seinen Platz auf dem altmodischen, aufgesetzten Schreibpult gefunden, an dem sie von morgens Vier bis mittags um Zwölf zu arbeiten pflegte: eine Abhandlung über das von ihr gehegte Nutztier Ziege neben dem Grundriss der Räume im Pariser Moderne-Museum, der auf die 1986 dort ausgestellte, bereits enzyklopädisch, mit Artefakten angereicherte Werkgruppe „Kulturzeit 1880-1983“ (ausgestellt in München) verweist. Nicht weit davon entfernt steht eine kleine Skulptur des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt, der während ihres New York-Aufenthaltes (1966 bis 1968) die entscheidenden Anregungen für ihren weiteren künstlerischen Werdegang gab.

Nuancenreiche Tonfolgen 

Wer hätte gedacht, dass dieses, auf den ersten Blick so strenge, buchhalterische Werk in einem Ambiente geschaffen wurde, das so voller Dinge stand? Und wer die Künstlerin noch nie persönlich erleben konnte, staunt auch über ihre glasklare, helle Stimme in dem Filmporträt von Walter Smerling. Sie fügt sich beinahe ebenso selbstverständlich in die Ausstellung wie sich die muusikalischen Kompositionen mit ihren nuancenreichen Tonfolgen die alte, immer wieder aufklingende Melodie „Der Mond ist aufgegangen“. All diese Komponenten setzen sich nachhaltig ins Ohr und verwandeln den Rundgang in ein synästhetisches Erlebnis.

Numerische Konzepte 

Schon in den frühen 1970er-Jahren zieht die bürgerlich erzogene Kaufmannstochter die Verbindung ihrer bildnerischen Arbeit mit der musikalischen Komposition. „Meine Systeme sind numerische Konzepte, die nach den Gesetzen der Progression und/oder Reduktion arbeiten, in der Art eines musikalischen Themas mit Variationen.“

Politik und Sinnlichkeit 

In das zeitbasierte Auf- und Abschreiben, das sich Hanne Darboven Ende der sechziger Jahre als biographische und künstlerische Lebensaufgabe stellt, dringen ab Anfang der siebziger Jahre nach und nach Collage-Elemente: zunächst literarische und philosophische Textfragmente, ab Ende der siebziger Jahre auch Fotos, Ansichtskarten, die Titelseiten des Spiegel und des Stern, Reproduktionen von Kunstbüchern, Kalendern und Werbeanzeigen. Ihre Kunst wird politischer und zugleich sinnlicher.

Hommage an die Kinder 

Ausgewählte Skulpturen und gesammelte Alltagsgegenstände finden Platz in ihren Werken. Mit einer einzelnen Bronzeskulptur auf einem Sockel in der „Bismarckzeit“, ihrer ersten Arbeit über ein historisches Thema, fängt es 1979 an. Eine ganze Schar von Puppen nebst historischem Spielzeug bevölkert schließlich die 1990 bis 1996 entstandene Installation „Kinder dieser Welt“, die im Sommer auch als unverkäufliche Leihgabe der Darboven Stiftung auf der Art Basel gezeigt wurde.

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