Hanns-Josef Ortheil
Der Roman erotisiert

Hanns-Josef Ortheil beschwört in seinem Roman „Die große Liebe“ ein uraltes Gefühl.

Ein deutscher Fernsehredakteur um die vierzig reist in ein Städtchen an der italienischen Adria, um für einen Film zu recherchieren. Er verliebt sich in die Meeresbiologin Franca, Direktorin des ansässigen Forschungsinstituts. Im Ort kommt es zu Schwierigkeiten, weil die Frau als gebunden gilt. Aber Meeresbiologie, Film und Konvention sind bald nur noch die Folie, vor der sich eine große Liebe ereignet. Am Ende führt sie zu einer Befreiung und dem Bekenntnis zu wahren Gefühlen.

So weit, so bekannt. Aber wie Hanns-Josef Ortheil (52) das erzählt! „Wie kein anderer Autor seiner Generation kann und will er vom Glück der Liebe sprechen“, salbt die Werbeprosa seines Verlags. Und sie hat Recht. Der Leser bangt und hofft von Anfang an, nimmt teil an allen Facetten dieser sich langsam aufbauenden, steigernden Leidenschaft. In einer Zeit der Reizüberflutung, flüchtiger Begegnungen und rasanter Vereinzelung ist man während dieser Lektüre geneigt, sich ungehemmt erotisieren zu lassen und zu glauben, dass Liebe kein ausgedörrtes Wort ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Manche Passagen wünschte man sich knapper, weniger pathetisch. Kitschig wird Ortheil indes nie. Es geht um ein Aufeinanderprallen von Kulturen, um eine archaische Auseinandersetzung. Es wird ernst und sogar gefährlich, wenn ein Widersacher den Verliebten anraunzt: „Sie befinden sich in Italien, Sie gehen nicht nur eine Verbindung mit Franca, sondern eine Verbindung mit einem Kontinent ein ...“

Längst hat sich da dieses Gespür einer schicksalhaften Begegnung eingestellt. Doch den beiden Liebenden fehlt die Erfahrung, weil es kein richtiges Leben in der falschen Vergangenheit gab.

Ortheils Können besteht darin, Bilder sprechen zu lassen. Er betreibt Landschaftsmalerei, porträtiert eine Küstenlinie, setzt sprachliche Akzente wie der Maler Farbtupfer. In dieser Landschaft ereignet sich das Lieben, ohne sie ist es schwer vorstellbar. Bella Italia eben. Da ist die Autofahrt durch die Marken, das Durchqueren einer „hoch ansteigenden einsamen Fläche, die so wirkte, als habe sie niemals ein Mensch betreten“.

Beide laufen durch diese Fläche und werden mit Emotionen aufgeladen. „Ich blieb schließlich stehen, mein Herz klopfte, ich sah Franca weitergehen, sie schien schon bald so weit entfernt, als kämen wir so schnell nicht mehr zusammen.“ Vom Anziehen und Abstoßen erzählt der Roman, von Kämpfen, die Menschen mit sich ausfechten müssen, sobald sie spüren, dass etwas Einschneidendes geschehen ist.

Ortheil nennt das Gefühl wie ein unverbesserlicher Romantiker „die große Liebe“. Sein Buch ist bieder und regressiv, aber schwelgend, rührend und schön. Man liest es und denkt: wie nah am Kitsch. Doch er überschreitet die Grenze nie, er tanzt auf ihr.

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