Hans-Christian Schink
Wie sich Zeit fotografieren lässt

Im Duisburger Museum Küppersmühle flaniert der Besucher durch Zeit- und Fotografiegeschichte, wenn er sich dem Gesamtwerk von Hans-Christian Schink nähert. Von den Alltagsszenen hin zur fotografischen Abstraktion und zum Experiment.
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DuisburgWährend draußen über die Finanzierung gestritten wird, findet man drinnen zu Ruhe und Form. Ursprünglich sollte noch in diesem Jahr der von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron geplante Kunst-Kubus auf das Museum Küppersmühle (MKM) in Duisburg gehoben werden. Doch Baumängel und explodierende Kosten für den überdimensionierten "Schuhkarton" von einst geplanten 24 Millionen, über 48 Millionen auf nunmehr beinahe 70 Millionen Euro haben das ehrgeizige Prestigeprojekt zumindest vorläufig auf Eis gelegt.

Minimale Erzählweise

Während draußen noch gerechnet wird, scheint drinnen wenigstens eine Rechnung aufzugehen. Dort nämlich sind noch bis zum 3. Oktober rund 100 - äußerst sehenswerte - Arbeiten des Leipziger Fotografen Hans-Christian Schink ausgestellt. Eine Übersichtsschau, die erstmals auch die frühen Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Zeit vor der Wende zeigt. Mit zunächst noch dokumentarischem Blick hält Schink Alltagszenen im Sucher fest: Kinder beim Spielen zwischen Plattenbauten oder Heimwerker, die an ihrem Trabi schrauben.

Es folgen, wegweisend für die künftige Serienarbeit, die Werkgruppen "Leipziger Bäder" (1988), U-Bahnhöfe in "Nordkorea" (1989) und "Sankt Petersburg". 1998 entwickelt Schink eine Vorliebe für leere Räume, die in der Serie "Büro" zum Ausdruck kommt. Spätestens hier rückt der Künstler ab von einer anekdotischen Erzählweise hin zu einem minimalen, reduzierten Umgang mit Raum, die an das Spiel mit Form und Farbe bei Mondrian erinnert. Auch in "Wände" (1995-2003), zeigt sich Schinks Entwicklung hin zu grafischer Abstraktion: zu sehen sind farbige Außenwände von Gewerbebauten, erstmals im Großformat, aber immer noch analog fotografiert.

Blühende Landschaften

Mit "Verkehrsprojekte Deutsche Einheit" (1995 bis 2003), einer 2004 mit großem Erfolg im Berliner Martin Gropius-Bau präsentierten Serie, erfolgt der Durchbruch im Kunstbetrieb. Sie hat den gewaltigen Wandel in der Landschaft durch den Ausbau der Infrastruktur in Ostdeutschland zum Thema. Erst als Nutzer der neuen Verkehrswege habe sich ihm die Veränderung in der Wahrnehmung der Landschaft wirklich bemerkbar gemacht, erklärt Schink: "Nur in der Rolle des scheinbar unbeteiligten Beobachters ließ sich die ambivalente Faszination, die von den Bauwerken des beschleunigten Fortschritts ausgeht, mit Motiven verbinden, die Bezug auf einen romantischen Naturbergriff nehmen." Heraus gekommen sind Fotografien mit Autobahnbrücken aus Beton, die bedrohlich und schwer den Aufbau Ost symbolisieren. Eine menschenleere, nüchterne Ästhetik, die inmitten der Natur zu einer rein funktionalen Architektur wird und krass vor Augen führt, dass das Versprechen von "blühenden Landschaften" buchstäblich auch das Gegenteil bedeuten kann.

Belichtungs-Experimente

Zunehmend experimentell wird Schink mit seiner Werkgruppe "LA:Night" von 2002. Die mit einem empfindlichen Kleinbildfilm fotografierten Bilder von Los Angeles bei Nacht erscheinen enorm vergrößert und grob gekörnt als glitzernde, sich bewegende Lichtpunkte einer Stadt, die niemals schläft.

Für die ebenfalls experimentelle Arbeit "1 h" wurde Schink mit dem REAL Photography Award ausgezeichnet. In dieser zwölf Fotos umfassenden Serie macht Schink Zeit sichtbar.Allen Bildern gemein ist ein unterschiedlich geneigter schwarzer Balken, der wie ein fremdartiges Flugobjekt ins Bild montiert zu sein scheint. Was wir sehen ist die Sonne, die aufgrund einer extremen Belichtungszeit von einer Stunde (Technik der Solarisation) durch die Erddrehung nicht als Kreis, sondern als Balken, umgeben von einer hell strahlenden Korona, erfahrbar wird. Ein irritierendes Spiel um Wahrnehmung und Wirkung der auf diese Weise angehaltenen Zeit. Diesen Werkkomplex stellt Schinks Stammgalerie, die Galerie Rothamel, in ihrer aktuellen Herbstausstellung in Frankfurt aus.

Im Blick der Museen

Auf internationalen Messen (Art Basel, Art Miami, Art Forum Berlin, Paris Foto) ist der gebürtige Erfurter ebenso präsent wie in vielen privaten und musealen Kunstsammlungen. So verfügt das MKM selbst über acht großformatige Fotografien, die in der ständigen Sammlung ausgestellt sind. Darüber hinaus leisten sich einige Banken, Wirtschaftsunternehmen und Versicherungen seine Werke. Auf dem Markt hat Schink in den vergangenen 15 Jahren eine Wertsteigerung um 400 Prozent erfahren und wird gegenwärtig mit Preisen bis in den fünfstelligen Bereich gehandelt. Wenngleich er bei Auktionen bislang kaum in Erscheinung getreten ist, kann sich die von Erfurt und Frankfurt aus agierende Galerie Rothamel über stetig steigende Ankäufe, auch seitens der Museen, freuen. Aktuell am teuersten: seine Motive aus der derzeit - neben den "Verkehrsprojekten" und der Serie "Vietnam" – angesagten Serie "1h", die in der Größe 178 x 215 cm, 23.800 Euro gerahmt und brutto kosten. Nach Galerie-Angaben haben dabei die meisten Motive eine Achter-Auflage und werden in zwei oder drei unterschiedlichen Formaten hergestellt.

 

"Hans-Christian Schink. Fotografien 1980 bis 2010"

bis 3. Oktober im MKM, Duisburg.

Mi 14-18 Uhr, Do-So 11-18 Uhr.

Ein begleitender Katalog, der das Gesamtwerk abbildet, ist bei Hatje Cantz zum Preis von 38,50 Euro erschienen.

HANS-CHRISTIAN SCHINK
1h
Fotografie
Galerie Rothamel Frankfurt
3. September bis 22. Oktober 2011

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