Hans Hartung
Malen mit der Gartenspritze

Am 29. Juli 1989 nahm Hans Hartung einen Hochdruckreiniger und malte damit fünf große Bilder. Mitte Achtzig war er damals. Das Resultat ist nun bei Clemens Fahnemann in Berlin zu besichtigen.
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BerlinZu sehen ist ein Nebel aus Farben – Gelb, Blau, Braun –, vor dem sich schwarze Krickellinien und Tropfspuren abzeichnen. Manchmal scheint es, als seien Menschengruppen oder einzelne Figuren angedeutet, an anderen Stellen tauchen imaginäre Landschaften auf. Und doch sind diese Bilder vollkommen abstrakt, Farbkompositionen mit Farbzeichnungen, die auf die Handbewegungen des Künstlers vor der Leinwand verweisen.

In ihrer Sommerausstellung zeigt die Berliner Galerie Fahnemann nun fünf großformatige Bilder aus dem letzten Lebensjahr von Hans Hartung, die alle an ein und demselben Tag entstanden – am 29. Juli 1989. Aufgrund seiner schweren Kriegsverletzung an den Rollstuhl gefesselt, hatte Hartung diese Bilder in seinem Atelier im südfranzösischen Antibes mit verschiedenen Spritzgeräten auf die Leinwände gesprüht. Hier und da ist Farbe verlaufen, das Gelb mit anderen Farben des Hintergrunds verwaschen. Der Output dieses einen Tages überrascht jedoch in seiner Vielfalt der Formate, Ansätze, Stimmungen.

Verdrängt durch die Pop Art

Hartung, der 1904 in Leipzig als Deutscher geboren wurde und 1989 in Antibes als Franzose starb, gehört zu den wichtigsten Malern der Nachkriegsabstraktion. Die Stilrichtung, die auch als Informel in die Kunstgeschichte einging und ganz Europa infizierte, griff auf Anregungen aus den 1920er-Jahren zurück. Sie vollzog den radikalen Bruch mit allen Formen der politisch missbrauchten neoklassizistischen Kunst der 1930er- und 1940er-Jahre. Gegen die Muskelmänner und heimattümelnden Landvolk-Motive setzte Hartung die pure Geste des Künstlers: den Schwung des Tuschepinsels, den Farbauftrag per Hochdruckspritze, die Bearbeitung der nassen Farbe mit Kratzern und anderen Werkzeugen.

In den 1950er-Jahren war Hartung mit seinen Werken berühmt und erfolgreich. Er nahm etwa an den ersten drei Ausgaben der Documenta in Kassel teil. Doch in den sechziger Jahren trat sein Werk mit dem Aufkommen von Pop-Art und Konzeptkunst etwas in den Hintergrund, wie das vieler anderer Künstler des Informel.

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