Harald Martenstein
"Wir sind doch viel zu eitel"

Durch seine Kolumne in der "Zeit" ist der Journalist Harald Martenstein bekannt geworden. Jetzt hat er mit "Heimweg" seinen ersten Roman geschrieben. Ein Gespräch über geschlagene Kriegsheimkehrer, Erwartungen der Leser und die Eitelkeit der Menschen.
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Handelsblatt: Herr Martenstein, wie viel Kolumne steckt in Ihrem Roman "Heimweg"?

Harald Martenstein : Der Stoff für die Kolumnen ergibt sich aus meinem Leben, auch wenn ich die Geschichten hier und da ein bisschen ausschmücke. Für einen Roman muss man die Wirklichkeit aber viel stärker bearbeiten, um ihr eine Aussage abzuringen. Ich musste deshalb erst lernen, fiktional zu schreiben. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Ich unterlaufe gerne die Erwartungen der Leser, versuche, sie zu überraschen.

Welche Aussage wollten Sie der Wirklichkeit in Ihrem Buch denn abringen?

Wenn sich der Inhalt in zwei Sätzen zusammenfassen ließe, wäre es kein Roman. Aber es geht um die großen deutschen Themen: Liebe, Schuld und Sühne, die Aufarbeitung der NS-Zeit. Aber ich wollte sie in einem anderen Ton erzählen, liebevoll und barmherzig.

Sie erzählen in "Heimweg" eine Familiengeschichte. Ist es die Geschichte Ihrer eigenen Familie?

Ich habe mich aus meiner Familienmythologie bedient, aber auch vieles erfunden. Für die beiden Hauptfiguren, den Kriegsheimkehrer Joseph und seine Frau Katharina, haben meine Großeltern als Vorbild gedient. Aber sie sind so nicht gewesen. Das Tolle am Schreiben ist ja, dass man Herr des selbst erschaffenen Universums ist.



Als Joseph aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehrt, muss er sich die Liebe seiner Frau erst wieder mühsam erkämpfen. Hat sich das Kräfteverhältnis zwischen den Generationen durch den Krieg verschoben?

Es war eine geschlagene und gedemütigte Generation von Männern, die aus dem Krieg zurückkam. Sie trafen auf Frauen, die in der Zwischenzeit gelernt hatten, alleine für sich zu sorgen, Affären hatten, stärker geworden waren. Die Dominanz der Männer war deshalb häufig nur noch eine hohle Fassade. Gesellschaftlich war das zwar noch anders, da besetzten die Männer weiterhin die wichtigen Posten. Aber ich bin der Meinung, dass die Emanzipation schon zu dieser Zeit begonnen hat, nicht erst durch die Achtundsechziger.

Sie schreiben außerdem, dass das Wirtschaftswunder auch durch die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit ermöglicht wurde.

Ich glaube, dass durch die Verdrängung und die Konzentration auf die Zukunft viel Energie in den Aufschwung geflossen ist. Außerdem hatte Deutschland nach dem Krieg kaum politischen Handlungsspielraum, wirtschaftlich aber schon. Deshalb ist viel Ehrgeiz und Talent in diesen Bereich geflossen.

Der Ich-Erzähler in Ihrem Buch sagt an einer Stelle: "Ich bin nur ein Kind, obwohl ich schon so lange auf der Welt bin." Ist das Ihre Art, die Dinge zu betrachten?

Ich versuche es. Mich reizt der naive Blick, denn es ist ein unverbrauchter und auf gewisse Weise unschuldiger Blick. Auch in meinen Kolumnen versuche ich immer, mit einer Naivität an die Themen heranzugehen, die ich sonst so natürlich nicht habe. Da bin ich wahrscheinlich so desillusioniert, wie die meisten Menschen.

Das merkt man beim Lesen. Sie schreiben Sätze wie: "Das Leben ist dem Menschen furchtbar wichtig, umgekehrt aber sind die Menschen und ihr Schicksal der Natur vollkommen gleichgültig." Ist das nicht eine frustrierende Einstellung?

Das würde ich nicht sagen, es ist doch eine realistische Sichtweise. Wir Menschen sind doch als Gattung viel zu eitel.

HARALD MARTENSTEIN: Heimweg, C. Bertelsmann Verlag, München 2007, 224 Seiten, 18 Euro

Till Hoppe
Till Hoppe
Handelsblatt / Europa - Korrespondent in Brüssel

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