Heimatabend im Revier
Die Sonne über Stahlhausen

Mitten in Deutschland liegt eine seltsame Gegend. Statt Milch und Honig fließen Pils und Korn. Die Menschen dort haben kein Gesicht. Sie haben eine Fresse.
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LEIPZIG. Dieses "Land voller Zauber und Poesie" ist die Heimat des Autors Frank Goosen ("Liegen lernen"). Er lebt im Ruhrgebiet. Im Hörbuch "A40. Geschichten von hier" nimmt er seine Zuhörer mit auf die Reise - in rund einer Stunde von Duisburg nach Dortmund und von Recklinghausen nach Hattingen.

Immer entlang der Lebensader des Reviers, der A40, erzählt Goosen viele kleine Geschichten - aus dem Schrebergarten, von der Bude nebenan, vom Besuch auf Schalke und von der Maloche im Bergbau, die jeder verinnerlicht hat, obwohl sie heute keiner mehr so richtig erlebt hat. Wer seine Lachmuskulatur wieder mal in Form bringen will, ist mit diesem Heimatabend gut beraten.

Goosen erzählt von lauen Sommerabenden, die Sonne versinkt im Westen über Bochum-Stahlhausen und von einer Eisenbahnbrücke hinabblickend schaut er auf seine Stadt. Vor ihm die Türme der Propstei und der Christuskirche, das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, die neue Verwaltung der Stadtwerke und der Förderturm des Bergbaumuseums. Und dann denkt er ganz bei sich: "Boah. Schön is dat nich."

Rotzfrech und sentimental zugleich, aber immer direkt in der Sprache, so beschreibt Goosen das Ruhrgebiet und seine Menschen. Und so ist auch Goosen selbst. Am Mittagstisch sagt er zu seiner Frau: "Kerl, lecker die Scheiße." Das ist nett gemeint.

Mit den Menschen aus dem Rest der Republik ist der Umgang dagegen weniger herzlich. Im Zug sitzt ein stämmiger Bayer, der das Handelsblatt liest. Goosen hält dem dicken Mann demonstrativ eine Ausgabe der taz entgegen. Als der Bayer anfängt, über die unhöflichen Leute im Ruhrgebiet zu schimpfen, platzt dem Mann aus Bochum der Kragen. "Wenn hier einer das Ruhrgebiet beleidigen darf, dann ja wohl ich! Wo kommen wir denn da hin, wenn das auch noch die Auswärtigen übernehmen?" Der Bayer soll erst einmal richtig Deutsch, statt Weißwurstgebrabbel sprechen.

Überhaupt hätte die Kohle aus dem Pott Deutschland erst wieder nach oben gebracht. Was also sollen die Zicken wegen des Länderfinanzausgleichs, redet sich Goosen in Rage. Für ein paar Augenblicke überkommt ihn so ein Gefühl, als sei er selbst noch in den fünfziger Jahren auf Prosper Haniel eingefahren, als hätte er das schwarze Gold noch mit eigenen Händen aus dem Schoß der Erde gerissen.

Wer im Ruhrgebiet zuhause ist, wird "A40. Geschichten von hier" lieben. Wer von anderswo kommt, wird entweder ungläubig staunen oder seine Vorurteile bestätigt sehen. "Scheiß drauf", sagt Goosen. "Wenn die Leute, die Klischees glauben wollen, sollen sie das doch tun." Im Ruhrgebiet interessiert man sich ohnehin nicht für den Rest der Welt. Hinter Hattingen fängt Tirol an, östlich von Unna beginnt Sibirien, nördlich von Recklinghausen Dänemark und westlich von Duisburg ist die Welt zu Ende und alle fallen ins Urmeer. Oder wie Großvater Goosen einst gesagt haben soll: "Woanders ist auch Scheiße."

FRANK GOOSEN
A40. Geschichten von hier (Audio CD)
Roof Music
17,90 Euro.

» Lesen Sie hier die Handelsblatt-Rezension: Die Sonne über Stahlhausen

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter

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