Helmut Kohls zweiter Erinnerungsband „1982-1990“: Leben und Wirken auf der politischen Achterbahn
Ich, der Kanzler

Es kann, so lehrt der Rückblick, noch schlimmer kommen für die CDU: Im Frühjahr 1989, die Mauer steht noch, herrscht Kanzlerdämmerung im Land. Helmut Kohls Umfragewerte schießen in den Keller: Der Kanzler rangiert an 18. Stelle der Beliebtheitsskala, die CDU darbt bei 30 Prozent Zustimmung.

HB BERLIN.Die "Sozen", wie Kohl Sozialdemokraten hämisch benennt, jubilieren mit 43 Prozent. Kanzlerdämmerung, Endzeitstimmung, Putschversuch - keine Spur vom Weltpolitiker Kohl. Der Mantel der Geschichte hängt, sieben Jahre nach der Regierungsübernahme, noch schlapp in der Requisite.

Wenn Kohl im zweiten Band seiner "Erinnerungen", der nächste Woche erscheint, seine Kanzlerjahre Revue passieren lässt, wird noch in der Brunnentiefe der Vergangenheit klar, warum dem Kanzler der Einheit der Kanzler der Zwietracht voranschritt, getrieben von akutem Macht- und Popularitätsverfall. Und von etlichen Skandalen und Pannen.

Kaum hatte Kohl 1982 seine Getreuen aus Mainzer Tagen in Staatsämter gehievt und das "System Kohl" gegründet, kam er ins Schlingern. Die Affäre "Wörner/Kießling" um eine angebliche homoerotische Neigung des Generals, der gescheiterte Versuch, eine juristisch halbseidene Amnestie für Flick-Sünder durchzuboxen, die Steuerhinterziehungsaffäre Lambsdorffs, die üblen Querelen mit CSU-Chef Strauß, Kohls erbitterter Kampf gegen Richard von Weizsäcker, Schilys Strafanzeige gegen Spendensünder Kohl, der missratene Auftritt mit US-Präsident Reagan in Bitburg - Skandale und Pannen säumten die Erosion der Zustimmung für den Pfälzer. Kohl fuhr sieben Jahre auf einer politischen Achterbahn, galt bis zur Einheit als Pannenkanzler gescheitert und sollte von Abgefallenen wie Heiner Geißler und Lothar Späth weggeputscht werden.

Das ist saftiges Material für einen, der wie Kohl unablässig zum Kreuzzug gegen Kritiker aufbricht: "Unsinn", "Verleumdung", "Klischee", "Ungereimtes" und "Legenden, die schlicht falsch sind" hageln seine Zurückweisungen. Derart historischer Hausputz ist wie im ersten Band eine seiner größten Passionen, sein mächtigster Antrieb überhaupt, Erinnerungen zu schreiben. Erneut: ein Blick zurück im Zorn.

Eine einzige große Gegendarstellung des großen Ich? Ein wenig schreibt er in seiner Splendid Isolation als Altkanzler gegen die tatsächlichen Zeitläufte an, so wenn er sich an das Treffen mit Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg (1984) erinnert und bedauert, dass der US-Partner zu Hause große Probleme wegen des Auftritts vor SS-Gräbern bekam. Doch er verschweigt, dass er selber Reagan zur Visite nötigte, indem er ihm andernfalls die Machtübernahme "der Roten" ankündigte. Kritik der US-Presse ist ihm nur eine "Fälscherorgie sondergleichen".

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