Herbert Grönemeyer in Bochum
Das (letzte) Fest der Opelaner

Als das Bochumer Opel-Werk Ende 2014 geschlossen wurde, lud Herbert Grönemeyer die Arbeiter, die ihre Jobs verloren hatten, zum Konzert ein. Es wurde ein Abend, der den Zusammenhalt feierte – und nicht enden wollte.
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BochumEr ließ seine Fans nicht lange zappeln. Es regnete am Freitagabend ins Rewirpower-Stadion, als Herbert Grönemeyer recht früh die Hymne an seine Heimatstadt spielte. „Bochum“: „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, schon angezündt“. Kaum hatte die Band die ersten Zeilen angestimmt, sangen rund 30.000 Bochumer oder die, die es in diesem Moment gerne gewesen wären, für ihren „Herbie“. Und er sang mit.

Wenn Herbert Grönemeyer in Bochum „zu Gast“ ist, findet nie ein gewöhnliches Konzert statt. Dort wird er vergöttert, das war an diesem Abend zu spüren. Doch die Besonderheit lag diesmal nicht nur an der „Bochum“-Ekstase. Unter den 30.000 Konzertgästen waren rund 3500 Opelaner. Nachdem der US-Autokonzern General Motors das hiesige Werk Ende 2014 abreißen und die Produktion nach Rüsselsheim verlegen ließ, waren sie plötzlich arbeitslos.

„Guten Abend Bochum, ich begrüße alle Opelaner“, rief Grönemeyer. Er hatte sie und ihre Familien eingeladen, für umsonst zu seinem Konzert zu kommen. Als „eine Geste der Solidarität“, wie der Sänger im Februar gegenüber der „WAZ“ sagte. „Man kann ja als Künstler nicht so viel tun.“ Also hat er gesungen.

„Seine Einladung beweist, dass das Wort Solidarität im Ruhrpott wirklich gelebt wird“, sagte Rainer Einenkel vorab im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der ehemalige Betriebsratschef von Opel in Bochum sei immer noch ratlos über die Werkschließung. Von den rund 3000 Opelanern, die im Dezember vergangenen Jahres ihren Job verloren haben, sind bisher 2500 in eine Transfergesellschaft „aufgenommen“ worden. Ende Mai waren laut Einenkel zirka 100 Beschäftigte vermittelt. „Nur wenige haben bisher eine festere Perspektive.“ Ob er deshalb selbst ins Rewirpower-Stadion gehen würde? „Aber sicher. Ich werde viele Opelaner wiedersehen, wir werden uns austauschen und uns über das Konzert freuen.“

„Heute mache ich mir keine Sorgen, ich fass sie morgen wieder an“, „die Brücke ist breiter als der Fluss“. Die Botschaft des Songs „Wunderbare Leere“ aus Grönemeyers aktuellen Album „Dauernd jetzt“ war eindeutig. Die Menschen im Innenraum umarmten sich, sangen und tanzten. Nach einem Dutzend Zugaben und dem zweiten Mal „Bochum“ herrschte Stimmung wie bei einem Festival: Es hätte die ganze Nacht so weitergehen können. Abgesehen von den Temperaturen.

Tatsächlich schien es, als wollte Herbert Grönemeyer einfach nicht von der Bühne gehen. Nicht nach einer Stunde, nicht nach zwei, auch nicht nach drei. Als er die Ballade „Flugzeuge im Bauch“ am Klavier spielte, gingen plötzlich tausende Smartphone-Lichter an. Hatte er aufgehört zu singen, gab es Beifall und Jubelrufe. Und nur Grönemeyer konnte das stoppen – indem er weiterspielte.

Doch trotz dieser geballten Liebeserklärung von „Herbie“ an Bochum und von Bochum an „Herbie“ sowie des eher traurigen Anlasses für ein Solidaritätskonzert – Grönemeyer hielt es undramatisch, was die Opelaner anging: „Ich hoffe, der Abend hat euch geholfen und ihr seht, dass wir bei euch sind. Ich hoffe, alle Nachbarn stärken euch den Rücken. Bochum!“ Ob dieses Konzert wirklich das letzte Fest der Opelaner war oder Herbert Grönemeyer noch einmal so eine Aktion startet – zuzutrauen wäre es ihm. Der Rest der kurzen Ansprache ging übrigens im Applaus unter. Außer: „Es ist schön, zuhause zu sein.“

Annika Reinert
Laura Waßermann
Handelsblatt / Freie Mitarbeiterin

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