Hermann Stenner
Einseitige Wiederentdeckung

Der Maler Hermann Stenner starb 1914 mit nur 23 Jahren. Er gehört zu den weniger bekannten Expressionisten. Seine Familie und Privatsammler halten sein Werk zusammen. Die Museen verpassten es, rechtzeitig zuzugreifen.
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BonnEs ist der Kunstmarkt, der heutzutage das Potenzial besitzt, einen vergessenen Künstler ins Rampenlicht einer breiteren Öffentlichkeit zu ziehen; nicht mehr die Museen, die gewöhnlich Werkkomplexe aufarbeiten. Das lehrt der Fall des Expressionisten Hermann Stenner (1891 bis 1914), dessen "Grüne Frau mit gelbem Hut II" Ende 2011 im Auktionshaus Lempertz den sensationellen Preis von 132 000 Euro brutto erzielte. Genau das hatte sich der Einlieferer Hermann-Josef Bunte erhofft. "Die Idee war, einen Paukenschlag auf dem Kunstmarkt zu setzen", erklärte der Sammler rückblickend.

Rechtsanwalt Bunte aus Hamburg ist auch der Hauptleihgeber einer feinen Einzelausstellung im Bonner August Macke Haus. Hier liegt das Gewicht auf den aparten Papierarbeiten, weniger auf den Ölgemälden. Die Beschränkung auf die künstlerisch entscheidenden Jahre an der Stuttgarter Kunstakademie tut der Ausstellung gut, da die engen Räume nur rund 60 Werke verkraften.

Der in Bielefeld geborene Expressionist hinterließ seiner Familie die trotz kurzer Schaffenszeit erstaunliche Menge von fast 300 Gemälden und 1 700 Arbeiten auf Papier. Die wenigsten Werke gelangten jedoch nach seinem Tod auf den freien Markt, weil der Künstler zu früh starb. Als er schon in den ersten Monaten nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs fiel, war er in der Avantgarde noch nicht etabliert; anders als der vier Jahre ältere August Macke, der ebenfalls früh gefallen war. Stenner wurde jedoch schon zu Lebzeiten verehrt, vor allem von jungen Malerkollegen und Lehrern. Oskar Schlemmer und Willi Baumeister hielten ihn für einen exzeptionellen Künstler.

Heute befindet sich das Oeuvre des Malers überwiegend in Privatbesitz. Die meisten Werke bewahren die weit verzweigten Familienmitglieder des Künstlers und Privatsammler. Hermann-Josef Bunte hält den größten Bestand. Ihm gehören rund ein Sechstel der Gemälde und knapp ein Fünftel der Aquarelle und Zeichnungen. Von den gerade einmal neun Museumssammlungen, die der "Freundeskreis Hermann Stenner" auf seiner Website listet, hat die Kunsthalle Bielefeld mit sechs Ölgemälden (davon zwei rückseitig bemalt) und mehr als zwei Dutzend Papierarbeiten den größten Bestand, gefolgt vom Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster. Im Ausland ist Stenner nur im Kantons-Museum von Lugano vertreten.

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