Hörspiel ist wieder in
Lustvoller Lauschangriff

Hörspiele sind nur etwas für Kinder und Oberstudienräte? Stimmt nicht. Hörspiele sind schick. Besonders angesagt ist gemeinsames Horchen – und das an ungewöhnlichen Orten.

Glück für die Fische. Das Angelzeug steht schon bereit, Eimer warten unter sachte rauschenden Birken, aber hier wird kein Wassertier sterben. Dies ist nur Kulisse – für Kino im Kopf: ein Radiofeature über Finnland. Halbdunkel liegt über dem Raum. Die etwa dreißig Gäste sitzen schweigend da, doch wer hier herkommt, der will vor allem eines: zuhören. Alle vier Wochen lädt die Hamburger Radioautorin Sibylle Hoffmann in den Wintermonaten zu ihrer „HörBar“ ein, um gemeinsam mit ihren Gästen Radiofeatures zu lauschen, einer Art Dokumentarfilm zum Hören. Ziel ist, „die Hörkultur zu pflegen“, sagt die 52-Jährige.

Mal wird eine Buchhandlung zum Lauschplatz, mal ein Weinladen, doch immer ist der Raum passend zum Hörstück geschmückt: „Bei einem Feature über Italien waren Oleanderbüsche aufgestellt, von der Decke hing eine Wurst“, berichtet Hoffmann. Dazu gab es ein Buffet mit Oliven, Ciabatta und Parma-Schinken. Denkt man sich Schinken und Birken weg, erinnert die Szene an Fotos aus den 20er- oder 30er-Jahren, als ganze Familien sich vor dem einzigen Radio im Haus versammelten und andächtig lauschten – doch das gemeinsame Zuhören ist wieder schick. Sogar in einigen Szeneclubs in Hamburg oder Berlin laufen Hörspiele durch die Boxen.

Nicht nur Features, wie in „Sibylles HörBar“, sondern auch Krimis oder experimentelle Radioproduktionen kann man kollektiv genießen. Und in Planetarien, auf Schiffen oder sogar in der S-Bahn ist das lauschige Gruppenerlebnis inzwischen ebenfalls zu haben.

„All das, was wir zu Hause haben, wollten wir auch in die Bar mitbringen“, begründet Edwin Page, warum er in seiner „Barbarabar“ in Hamburg St. Pauli jeden Dienstag die Kinderkassetten der „Drei ???“ spielt. „Die kennen und lieben doch alle noch von früher.“ Seine Kiez-Bar ist ein echtes Ersatzwohnzimmer: Zum Hörspielhören verteilt Page bunte Ahoi-Brause-Päckchen, auf dem Tresen steht gefüllter Hefekranz für alle, und an der Wand flimmern Dias, die aussehen wie verblichene Urlaubsfotos.

„Alleine habe ich mir ganz selten die Zeit genommen, Hörspiele im Radio anzuhören“, sagt Armin Grambart-Mertens, der in Hamburg die Bar „Konsum“ betreibt – und drei Mal in der Woche Hörspiele laufen lässt. Es sei etwas ganz anderes, ob man Hörspiele in der eigenen Wohnung hört oder dafür extra ausgeht, erläutern Hörspielfans, was ihnen am außerhäuslichen Zuhören gefällt: Während vor dem heimischen Radio mitten im Hörstück das Telefon klingelt, man tausend andere Dinge zu tun hat oder einfach den Sendetermin verschwitzt, sei Hörspielhören in der Kneipe wie eine Verabredung. Und nach besonders spannenden Stücken diskutierten die Barbesucher auch mal heftig über das Gehörte, erzählt Grambart-Mertens, der die Zuhör- Abende seit dem vergangenen Herbst im Programm hat.

Im „Konsum“ tönen nur Radioproduktionen aus den Lautsprechern. Es laufen schon mal Stücke aus den 20er-Jahren, meist aber sind die Hörspiele neueren Datums. Und da ist der Weg vom Radio in den Szeneclub ohnehin nicht weit, denn seit einigen Jahren finden immer mehr DJs, Popmusiker und jüngere Theatermacher zum Hörspiel. DJ Westbam zum Beispiel tat sich für eine Produktion mit dem Pop-Literaten Rainald Goetz zusammen; Martin Gretschmann alias Console, bei der gefeierten Popband „Notwist“ zuständig für elektronische Klänge, ist in Sachen Lauschstück ebenso dabei wie die Theaterprovokateure Christoph Schlingensief oder René Pollesch.

Ein Hörspiel biete dem Zuhörer mehr Freiheiten als Fernsehen oder Kino, schwärmt der 35-jährige „Konsum“-Betreiber Grambart-Mertens: „Du hast die Macht, dir selbst das Bild im Kopf zusammenzusetzen.“ Und wer trotzdem etwas zum Gucken braucht, für den hängen wechselnde Fotoausstellungen an den Wänden der kleinen Bar.

Hörspiel ist wieder in – und über die Gründe dafür sind sich Fans und Experten erstaunlich einig: Viele Menschen sind der Bilderflut aus Fernsehen, Kino und Werbung überdrüssig, bekommen wieder Lust am puren Zuhören. Zusätzlichen Schwung bringt die Retro-Welle, die Brauchbares aus den letzten Jahrzehnten ausgräbt. Hörspiele, sagt zum Beispiel ein Stammgast aus dem „Konsum“, erinnerten ihn angenehm an früher, weil er als kleiner Junge so viel Radio gehört habe.

Und den Berliner Theatermacher Moritz von Rappard fasziniert, dass in alten Hörspielen oder Features der Geist der Vergangenheit ganz unmittelbar lebendig wird: „Wenn man Fernsehsendungen von früher anschaut, achtet jeder zunächst auf die Frisuren, was für komische Kleider die Leute anhaben oder wie das Studio aussieht. Beim Radio fällt das alles weg.“

Von Rappard hat diesen Effekt im vergangenen Jahr genutzt. In seinem Programm „Denkmal Hörspiel“ führte er an verschiedenen Plätzen in Berlin historische Hörstücke vor, die zum jeweiligen Ort passten – zum Beispiel im Friedrichstadtpalast oder im Flughafen Tempelhof. Im Frühjahr machte Rappard die Berliner Panorama-S-Bahn zum Lauschort: Während der Sonderzug an Sonntagen den S-Bahn-Ring entlangfuhr, horchten die Fahrgäste auf Hörkonserven, die vom Alltag in den ehemals zwei deutschen Staaten erzählten. „Man schaut völlig anders auf die Stadt, wenn man beim Vorbeifahren ein Stück hört, das von dieser Stadt erzählt“, sagt von Rappard. Das Programm „Berlin Retour“ kam so gut an, dass es im Herbst weiterlaufen soll.

Wer nicht so lange warten will, dem bietet sich auf der Berliner Museumsinsel die wohl schönste Möglichkeit, Sommer und Hörspiele zu verbinden: An vier Donnerstagen im August sind dort Hörstücke im Open-Air-Format zu genießen. Liegestühle stehen bereit, dazu gibt es freien Blick auf den nächtlichen Himmel über Berlin, die Sprecherstimmen im Ohr – und jede Menge Kino im Kopf.

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