Hugo Müller-Vogg befragt Reinfried Pohl, den Pionier der Allfinanzbranche
Man kommt ihm nicht nahe

Die großen Finanzvertriebe haben den Markt für Versicherungen und Bankprodukte in den vergangenen Jahren nachhaltig verändert. Unternehmen wie AWD, MLP oder die Deutsche Vermögensberatung sind für viele Finanzinstitute längst zu einem wichtigen Vertriebsweg geworden. Das ist vor allem das Verdienst Reinfried Pohls, des Gründers der Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG).

HB FRANKFURT. Vor vierzig Jahren hatte Pohl die Idee, seinen Kunden Versicherungen, Bausparverträge und Fonds aus einer Hand zu verkaufen. Lange stieß er mit diesem "Allfinanz-Konzept" bei Finanzdienstleistern und Medien auf Skepsis. Pohl aber war von sich und seiner Idee überzeugt. Heute ist die DVAG mit 3,8 Millionen Kunden und 32 000 selbstständigen Beratern weltweit der größte eigenständige Finanzvertrieb. "Ich habe Finanzgeschichte geschrieben", sagt der Pionier der Allfinanzbranche nun selbstbewusst. Und so lautet auch der Titel eines Buches über den Unternehmer, das der Journalist Hugo Müller-Vogg geschrieben hat.

Der frühere Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" hat in langen Gesprächen mit Reinfried Pohl über dessen durchaus bewegtes Leben gesprochen. Pohl wurde 1928 im Sudetenland geboren und später von dort vertrieben. In Halle an der Saale beteiligte er sich an der Gründung der Liberal-Demokratischen Partei, was ihn nur wenige Jahre später zur Flucht nach Westdeutschland zwang.

Die Dialoge sind wie ein unendliches Interview niedergeschrieben - unterteilt in Kapitel, die sich mit Pohls Allfinanzkonzept, seiner Familie und seinen Grundsätzen befassen. Der Frage-Antwort-Stil ist zwar ungewöhnlich, macht den Text jedoch leicht lesbar - was auch an der einfachen Sprache liegt. Offen bleibt dagegen das Ziel des Buches. Soll es eine Biografie sein? Oder handelt es sich um Pohls Memoiren? Keine der beiden Formen wird eingelöst.

Zur Biografie fehlen die Beschreibungen der Erlebnisse, historische Bezüge und Hintergründe. Zu den Memoiren fehlt die Selbstreflexion des Betroffenen, der die Ereignisse im Nachhinein für sich bewertet.

Die Interview-Form lässt die Gespräche beliebig wirken. Es entsteht kein roter Faden über die einzelnen Kapitel hinweg, der den Antworten Pohls einen Anfang und ein Ende geben würde. Schade ist auch, dass viele spannende Themen nur flüchtig behandelt werden. So erfährt man wenig über Reinfried Pohls Eltern.

An vielen Stellen vermisst der Leser die kritische Distanz des Interviewers. Allein das Vorwort liest sich wie eine Ansammlung von Komplimenten. Antworten werden zu wenig hinterfragt. Pohl wird nicht ermuntert, sich selbstkritisch zu reflektieren. Häufig gibt der Autor durch Fragen nach dem Muster "Wie haben Sie das geschafft?" oder "Was ist das Geheimnis Ihres Erfolges?" Gelegenheit zum Eigenlob.

Am Ende bleibt das Gefühl, das eine oder andere über Reinfried Pohl und seine DVAG erfahren zu haben - ohne dabei aber hinter die Kulissen zu blicken. Dem Menschen Reinfried Pohl kommt der Leser in diesem Buch nicht wirklich nahe.

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