"Ich bin mit Waffen groß geworden"
Gewalt mit Humor gepaart

Erst spielte Johnny Depp die melancholischen Außenseiter, jetzt erleben wir ihn in knallharten Actionrollen. Ein Weekend-Journal-Gespräch über Waffen, Rollen und Glück.

Mr. Depp, was ist das für ein Gefühl, eine Waffe in der Hand zu halten?

Ich bin mit Waffen groß geworden. In Kentucky, wo ich aufgewachsen bin, war es üblich, dass der Vater mit dem Sohn zum Schießen ging. Ich habe also früh gelernt, wie gefährlich Waffen sind und dass man damit verantwortungsbewusst umgehen muss. Inzwischen hat sich die Welt doch sehr verändert. Besonders in den USA scheint heute jeder Trottel eine Waffe zu besitzen. Eine Furcht erregende Vorstellung.

Genauso Furcht erregend wie manche Szenen aus „Irgendwann in Mexiko“, in denen Sie mit blutverschmiertem Gesicht wild um sich schießen. Musste das wirklich sein?

Das ist etwas völlig anderes. Solche Momente werden im Film so übertrieben dargestellt, dass man sie nicht wirklich ernst nehmen kann. Für mich funktioniert „Irgendwann in Mexiko“ wie ein Comic, in dem Gewalt mit Humor gepaart ist. Das hat nichts mit der Realität zu tun.

Aber es ist eine sehr untypische Rolle für Sie...

Dabei hatte ich so viel Spaß dabei. Nach Abschluss meiner neun Drehtage war ich richtig traurig und fragte Regisseur Robert Rodriguez, ob er mich eventuell noch gebrauchen könnte. Er ließ mir viele Freiheiten und ich hätte nie gedacht, dass ein Actionfilm wie „Irgendwann in Mexiko“ so viel Raum zum Improvisieren bietet. Ich glaube, nur deshalb war ich sofort Feuer und Flamme, als das Angebot für „Fluch der Karibik“ kam. Man kann sich in solchen Rollen so richtig austoben.

Sie feierten am 9. Juni Ihren 40. Geburtstag. Manche Männer geraten in eine Midlife-Crisis, andere hauen noch mal so richtig auf den Putz. Sie scheinen zur zweiten Kategorie zu gehören...

Manchmal fühle ich mich tatsächlich noch wie ein Kind (ein Lausbubenlächeln macht sich in seinem Gesicht breit). Aber ich glaube nicht, dass meine Rollenauswahl etwas mit meinem Alter zu tun hat. Es ist eher Zufall, dass gleich zwei Actionfilme hintereinander folgten. Demnächst bin ich wieder in einer ernsten Rolle zu sehen. In „Neverland“ spiele ich J. M. Barry, den Autor von „Peter Pan“. Da geht man natürlich ganz anders vor: Ich las mehrere Biografien über ihn und trainierte mir sogar einen schottischen Akzent an.

Mit welchen Rollen können Sie sich stärker identifizieren?

Ich glaube, in jeder Rolle steckt etwas von mir – mal mehr, mal weniger. Rückblickend betrachtet, sind „Edward mit den Scherenhänden“ und „Gilbert Grape“ meine persönlichsten Filme. Sie spiegeln ziemlich genau wider, wie ich mich noch vor knapp zehn Jahren fühlte: verloren und auf der Suche nach Antworten. Mir wurde damals klar, dass Erfolg nicht alles sein kann. Heute fühle ich mich frei und sicher. Ich kann behaupten, dass mein Leben schöner ist als je zuvor.

Wodurch kam die Wende?

Ich habe die Frau meiner Träume getroffen. Seit Vanessa Paradis in mein Leben getreten ist, sehe ich alles viel klarer. Ich zerbreche mir nicht mehr den Kopf, wo mein Platz auf dieser Welt ist. Den habe ich spätestens gefunden, als meine Tochter Lily vor vier Jahren zur Welt kam. Auch bei der Geburt meines Sohnes Jake im letzten Jahr war ich dabei und erlebte es wiederum als Wunder. Seitdem glaube ich, dass es so etwas wie einen Gott geben muss.

Sie leben mit Ihrer Familie nicht in Hollywood, sondern in Südfrankreich...

...weil ich dort ein Zuhause gefunden habe. So etwas kannte ich vorher nicht. Wenn man in Los Angeles lebt, dreht sich alles nur ums Filmgeschäft. Die Leute reden permanent über Erfolg und Misserfolg, wodurch ein ziemlicher Druck entsteht. Das konnte ich nicht länger ertragen. Inzwischen habe ich eine gewisse Distanz dazu. Wenn ich heute in die USA reise, sehe ich alles viel gelassener.

Wie erklären Sie den Kindern, womit Sie Ihr Geld verdienen?

Meine Tochter war schon öfter bei Dreharbeiten dabei und ist jedes Mal völlig aus dem Häuschen. Neulich war sie am Set von „Neverland“ und freute sich über den fliegenden Peter Pan und die Meerjungfrauen. Als eine von ihnen in der Pause mit dem Handy telefonierte, musste ich Lily erklären, dass es eine Schauspielerin ist, die sich nur verkleidet hat. Sie konnte es auch nicht fassen, dass ihr Daddy in Wirklichkeit kein Pirat ist. Ihr das begreiflich zu machen ist nicht einfach. Aber ich glaube, so langsam fällt bei ihr der Groschen.

Das Interview führte Markus Tschiedert.

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