Ideologische Schubladen
Management by Bertolt Brecht

Kommunist, Marxist, Materialist? Der Brecht-Forscher Jan Knopf versucht in seiner gerade erschienenen Brecht-Biografie, gegen die Einordnungen anzukämpfen, die Brechts Image noch immer bestimmen: Denn der Schriftsteller war geschäftstüchtiger, als viele dachten.

BERLIN. "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Der Ganove Mackie Messer hat den Geldinstituten eine Steilvorlage geliefert, und so liegt es nahe, dass die Deutsche Bank die neue Inszenierung von Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" am Berliner Admiralspalast sponsert. Ob in Berlin, Rostock oder Bad Hersfeld: Die Bühnen haben Brecht auf dem Programm. Das Fest im Haus- und Hoftheater Brechts, dem Berliner Ensemble, umfasst gar 76 Aufführungen. Der Kulturmarkt reagiert zuverlässig und mit großem Aufgebot auf den fünfzigsten Todestag des Dichters und Dramatikers am 14. August.

Doch Entdeckungen sind rar. Schon jetzt ist sein Werk gut erforscht und ediert. Seit 2000 ist die kommentierte Ausgabe der Gesammelten Werke mit 18  000 Seiten im Suhrkamp Verlag abgeschlossen. So ist jeder Fund ein Ereignis. Vor zwei Jahren wurden in einem Keller in der Schweiz neue "Geschichten vom Herrn Keuner" entdeckt. Vor kurzem wurde das Heldenstück "Die Judith von Shimoda" rekonstruiert, weil in dem Nachlass der Schriftstellerin Hella Wuolijoki die finnische Fassung auftauchte.

Doch so gut Brechts Werke auch zugänglich sind, so konsequent wird er in eine ideologische Schublade gesteckt: als Kommunist, Marxist oder Materialist. Das zumindest beklagt Jan Knopf, einer der renommiertesten Brecht-Forscher. Er versucht in seiner gerade erschienenen Brecht-Biografie gegen die Einordnungen anzukämpfen, die Brechts Image noch immer bestimmen: "Der angeblich so politische Brecht war zeitlebens mehr an seiner künstlerischen Wirkung und ihrer öffentlichen Durchsetzung interessiert als an Politik." Brecht sei zwar Gesellschaftskritiker, habe sich jedoch nie zu einer bestimmten Weltanschauung bekennen wollen, schreibt Knopf.

Stattdessen ließ er sich vereinnahmen. 1949 kam der Theatermacher aus dem amerikanischen Exil über die Schweiz nach Berlin zurück. In der DDR wurde er begeistert aufgenommen und erhielt dort mit dem Theater am Schiffbauerdamm eine eigene Bühne, aber auch einen Stasispitzel zur Seite gestellt. Auf der politischen Bühne lavierte Brecht gerne: Als sowjetische Panzer den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 niederschlugen, bezog er keine eindeutige Position. Die politische Kaste honorierte das. Bei seiner Beerdigung bezeichnete ihn Walter Ulbricht als "Kampfgenossen Brecht".

Wie vielfältig Brechts Leben und Werk jenseits der politischen Grabenkämpfe war, wird in dem lesenswerten "Brecht-Lexikon" deutlich, das Ana Kugli und Michael Opitz herausgeben haben. Dort finden sich 350 Einträge: zum epischen Theater genauso wie zu Charlie Chaplin.

Der 1898 in Augsburg geborene Brecht hat ein riesiges Werk hinterlassen. Der Lyriker ist dabei dem Dramatiker ebenbürtig. Zu seinen berühmtesten Theaterstücken gehört "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", eine Persiflage auf Hitlers Machtübernahme. Großen Ruhm erlangte er auch mit dem "Leben des Galilei" und "Mutter Courage und ihre Kinder". Brechts Kritik an Unternehmen wie Thyssen oder Krupp war dabei oft harsch. Das hielt ihn nicht davon ab, sich seine neue Nobelkarosse vom Autohersteller Steyr zahlen zu lassen. Gegenleistung: Werbesprüche für die Firma.

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