Im Alter von 101 Jahren am Dienstag vorstorben
Leni Riefenstahl scheidet die Geister

Bei der Regisseurin Leni Riefenstahl scheiden sich die Geister. Von den einen als NS-Propagandistin verschriehen, von anderen - wie zum Beispiel dem Regisseur George Lucas - als "die modernste Filmemacherin überhaupt" gefeiert.

HB BERLIN. Hollywood- Regisseur George Lucas nannte sie einmal „die modernste Filmemacherin überhaupt“, andere sahen in ihr den klassischen Fall des von der politischen Macht verführten Künstlers. Sie selbst hat sich immer als politisch naive Film- und Fotokünstlerin verstanden und doch geriet sie, darin ähnlich dem Theatermann Gustaf Gründgens und dem Bildhauer Arno Breker, in den Strudel von Kunst und Politik. Das amerikanische „Time“-Magazin zählte die am 22. August 1902 in Berlin geborene Riefenstahl als einzige Frau zu den „100 einflussreichsten und beeindruckendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts“.

Wie nur wenige Kunstschaffende allerdings wurde Riefenstahl auch noch Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches mit dem NS-Staat identifiziert. Es ist auch nicht verwunderlich, denn ein Film - der glorifizierende „Triumph des Willens“ vom Nürnberger Reichsparteitagsgelände - hat sie ebenso berühmt wie berüchtigt gemacht und hing ihr ein Leben lang an. Sie hat den Film später beinahe verflucht: „Wenn ich das Glück gehabt hätte, „Triumph des Willens' nicht gemacht zu haben, würde ich ein wunderbares Leben führen.“

Ästhetik des Films nie bestritten

Den einen galt und gilt dieser Film als künstlerisches Markenzeichen wegen der einmaligen und unter Cineasten auch nie bestrittenen Ästhetik des Films. Für die anderen ist es ein Mach- und Blendwerk der NS-Propagandamaschinerie, eine pathetische Apotheose des Machtwillens. Riefenstahl war, wie die Nazis ja auch, von Körperbewegung und -schönheit fasziniert, nur hat sie das künstlerisch tatsächlich auch angemessen zum Ausdruck bringen können.

In ihren letzten Lebensjahren konnte sie eine zunehmende sachlichere Beurteilung ihrer Filme - dazu gehörte auch der zweiteilige Film über die Olympischen Spiele in Berlin 1936 („Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“) - beobachten. Man entdeckte wieder mehr die Filmkünstlerin in ihr und interessierte sich zu ihrer Freude für den Ästhetizismus in ihren Arbeiten, während die Inhalte immer weniger interessierten. So bescheinigt ihr der Autor der im Herbst 2000 erschienenen Riefenstahl-Monografie, Rainer Rother, dass von ihrem Werk „eine bestimmte Verführung ausgeht, der man sich auch stellen sollte“.

Der Riefenstahl-Biograf Jürgen Trimborn sah in seinem 2002 zum 100. Geburtstag der Filmemacherin erschienenen Buch „Eine deutsche Karriere“ sogar eine wahre „Riefenstahl-Renaissance“.

Zahlreiche Fotoausstellungen

In den letzten Jahren wurden wieder vermehrt Riefenstahl- Fotoausstellungen organisiert, zu denen sie auch so oft wie gesundheitlich möglich bis ins hohe Alter auch fuhr und sich den Fragen der Journalisten und des Publikums stellte. Zu einer neuen Ausstellung mit ihren Fotos von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin und von der Nuba-Kultur im Sudan im Juli 2003 konnte sie allerdings wegen ihrer angegriffenen Gesundheit nicht mehr kommen, weil sie sich von einer Krebsoperation erholen musste. Auch eine Reise nach Capri sagte sie ab. Sie plante einen Fotoband über die italienische Insel.

"Was habe ich denn eigentlich verbrochen?"

Riefenstahl hat stets gereizt reagiert, wenn sie auf ihre Schuld in der NS-Zeit angesprochen wurde und unzählige Prozesse geführt - im Keller ihres Hauses am Starnberger See lagern die Akten von über 50 gewonnenen Verleumdungsprozessen. Margarete Mitscherlich warf ihr vor, sie sei unfähig, zu trauern. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich irgendetwas getan habe, was Unrecht war. Was habe ich denn wirklich verbrochen?“ Sie habe nichts getan, was sie heute bereuen müsste. „Aber man wäre wohl froh, wenn ich nicht mehr lebte.“

Kaum anders klingt es in ihren 1987 erschienenen umfangreichen Memoiren auf über 900 Seiten - für den Kritiker Fritz J. Raddatz „dumme Plaudereien einer Hofschranze“, die im Ausland aber ein Erfolg wurden. Die „New York Times Book Review“ war hingerissen und meinte: „Das Buch muss, im Hauptsächlichen, wahr sein; es ist viel zu unheimlich für Erfundenes.“

Kein besonderes Verhältnis zu Hitler

Zu Hitler habe sie „kein besonderes Verhältnis“ gehabt und überhaupt habe sie nur wenige Monate wirklich im Dienst der Nazis gestanden. In den USA erregte vor allem eine Frage die Gemüter: „Hatte sie Sex mit Hitler?“ Riefenstahl war in ihren jungen Jahren eine attraktive Schauspielerin vor allem in Bergfilmen von Arnold Fanck wie „Stürme über dem Mont Blanc“ und „Weiße Hölle am Piz Palü“.

Wie viele der Persönlichkeiten, die sich der besonderen Gunst Hitlers und seiner Paladine erfreuen konnte, wollte Riefenstahl das später nicht mehr so wahrhaben beziehungsweise machte keine Abstriche von ihrem Handeln und Tun. „Nichts dazugelernt“ wurde ihr im Nachkriegsdeutschland nachgesagt und vorgeworfen, ähnlich der Herrin auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, Winifred Wagner, deren Bayreuther Festspiele Hitlers besondere Gunst genossen.

Riefenstahl sah sich als Filmemacherin boykottiert

Nach dem Krieg sah sie sich als Filmemacherin boykottiert, wie sie es nannte. In einem ihrer Interviews zu ihrem 100. Geburtstag 2002 sprach sie von Neid und blindem Hass. „Ich habe nie begriffen, warum man mich hier in Deutschland so angegriffen und gemieden hat.“

Riefenstahl wandte sich nach dem Krieg der Fotografie zu. Bekannt wurden in den 70er Jahren ihre Bildbände über den afrikanischen Volksstamm der Nuba. Bei einer dieser Reisen stürzte sie im Jahr 2000 mit einem Hubschrauber ab und brach sich mehrere Rippen.

Bei den Olympischen Spielen 1972 in München war Riefenstahl, wenn auch unter Pseudonym, als Fotografin akkreditiert. Trotz neuer Aufmerksamkeit für ihre Fotoarbeiten in den letzten Lebensjahren meinte die geborene Berlinerin an ihrem 95. Geburtstag im August 1997: „Ich möchte meinen 100. Geburtstag nicht erleben, es sei denn, dass ein Wunder geschieht und ich in aller Ruhe und Frieden arbeiten kann.“

Sie erlebte ihn und zahlreiche Würdigungen oder kritische Betrachtungen über das „Phänomen Riefenstahl“. Und sie machte sich ein eigenes Geburtstagsgeschenk mit der Uraufführung ihres Unterwasserfilms „Impressionen unter Wasser“, das Ergebnis von mehr als 2000 Tauchgängen, die sie zwischen 1974 und 2000 bei den Atollen im Indischen Ozean unternommen hatte. Doch in den letzten Lebensjahren wurden ihre Rückenschmerzen immer unerträglicher und sie musste starke Medikamente nehmen. Schließlich musste sie sich in ihrem hohen Alter auch einer Krebs-Operation unterziehen.

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