Im Kinsky
Brueghels Affenzirkus in Wien

Verhaltene Nachfrage prägten die Auktionen im Wiener Auktionshaus Im Kinsky. Das umstrittene Elfenbein-Rösslein erhielt einen Zuschlag innerhalb des Schätzpreises. US-Unternehmer und Museumsgründer Ronald Lauder wirft in der Jugendstil-Session mit bietende Händler aus dem Rennen.
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WienWenn ein Auktionator– wie Otto Hans Ressler Dienstagabend vergangener Woche – in Österreich den Saal betritt, dann kennt er die Anzahl der bis zur Versteigerung deponierten schriftlichen Aufträge. Auch weiß er, wie viele Interessenten übers Telefon ihre Gebote abgeben werden und kann über deren mögliche Konkurrenz im Saal mutmaßen. Nur eine Spezies gewährt vorab keinen Blick in ihre Auftragskarten: Der Sensale, ein Berufsstand, der in der hiesigen Branche historisch tief verankert ist und der selbst gegenüber dem nahestehenden Auktionshaus die Anonymität seiner Klientel wahrt. In Wien tummeln sich drei Damen auf der Bühne des Geschehens: Monika Uzman (im Kinsky) sowie Renate Krenmayr, die gemeinsam mit einer Kollegin sonst eher im Dorotheum anzutreffen ist.

Im Zuge der 87. Kinsky-Auktion hatte sich Krenmayr jedenfalls unters Publikum gemischt und reizte die Geduld von vier Telefonbieters aus: Entgegen der angesetzten Taxe von 150.000 Euro bewilligte sie für ein Gemäldepaar von Johann Gregor Platzer im Auftrag eines anonymen Klienten beachtliche 360.000 Euro. Mit Aufgeld machten das 429.000 für eine „Anbetung der Hirten“ und eine „Kreuzabnahme“. Ob sich ein internationaler Kunsthändler diese Pendants des vor allem in Großbritannien geschätzten österreichischen Rokokomalers für einen seiner nächsten Messeauftritte sicherte, wird sich spätestens in Maastricht zeigen.

Eine "Tulipomanie" als Stimmungsmacher

Als Stimmungsmacher wurde im Vorfeld außerdem die Allegorie der Tulipomanie von Jan Brueghel d. J. gehandelt. Der dort thematisierte Affenzirkus wurde nicht nur diesen Erwartungen gerecht: Rasant stiegen die Gebote weit über die gerufenen 25.000, bei 72.000 Euro ging schließlich auch dem aus Pocking angereisten Kunsthändler Peter Mühlbauer die Luft aus. Erst bei 74.000 Euro (mit Aufgeld 92.500) fiel der Hammer zugunsten eines französischen Telefonbieters.

Anderntags stand die Sektion Antiquitäten auf dem Programm, anlässlich derer Michael Kovacek, einer der Kinsky-Gesellschafter, sein Pult-Debüt gab. In die USA reichte er einen im frühen 18. Jahrhundert gefertigten Zwischengold-Deckelpokal (5.000) sowie einen Satz von fünf um 1814/15 gefertigte Meissener Ansichtenteller (12.500) weiter. Sein fachlich umhätscheltes Elfenbein-Rösslein „trabte“ via Sensalin jedoch bereits bei 38.000 Euro (47.500) und damit innerhalb der Taxe „aus dem Gehege“ (Siehe auch „Bewährung für ein verspieltes Ross“).

Clubsessel mit Rehlederbezug

Zum Abschluss des dreitägigen Sitzungsmarathons lockten die Sparten Jugendstil und Klassische Moderne mit internationalen Lockspeisen. Der amerikanische Unternehmer Ronald Lauder, der 2006 Klimts restituierte „Goldene Adele“ für seine Neue Galerie in New York erwarb, weilte gerade in Wien und setzte sich bei seiner Stippvisite im Palais Kinsky gegen den heimischen Kunsthandel durch. „Ron“ darf künftig in Josef Hoffmanns mit gelb-beigem Rehleder bezogenen Wittgenstein-Clubsesseln (31.250) lümmeln und aus einer Prutscher-Karaffe (38.750) ein Likörchen nippen.

17 Telefonbieter für Bernard Buffet

Bei Klassischer Moderne hatte wiederum Bernard Buffets moderat taxiertes Stillleben nicht weniger als 17 Telefonbieter auf den Plan gerufen, am Ende des Scharmützels fiel der Hammer bei 35.000 (43.750) zugunsten eines Franzosen. Etwas tiefer langten zwei Österreicher in die Taschen, die sich Josef Dobrowskys „Die Armen im Geiste“ (78.244) oder Josef Flochs „Wiese“ (57.000/71.250) aus dem Angebot fischten. Den Tagessieg holte sich eine kleine Tuschzeichnung Picassos, die etwas unter den Erwartungen für 239.250 Euro in Frankreich eine neue Heimat fand. Insgesamt setzte man im Zuge der 87. Kunstauktion allerdings nur 44 Prozent des Angebots zum Gegenwert von 4,28 Millionen Euro ab.

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