Immer mittendrin
Gerd Ruge wird 85 Jahre alt

Er prägte unseren Blick auf Russland, China und die USA. Seit über 60 Jahren ist Gerd Ruge unterwegs und erklärt die Welt. Jetzt wird der Reporter 85 und hat seine Erinnerungen aufgeschrieben. Es gibt Überraschungen.
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MünchenWenn es 1955 schon Twitter gegeben hätte, wäre der Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau anders verlaufen. Denn Außenminister Heinrich von Brentano kam damals aus dem Verhandlungssaal geschossen und rief den Korrespondenten zu: „Unverschämtheit, unerträglich, die Verhandlungen sind zu Ende. Wir reisen ab!“ Einer der Journalisten war Gerd Ruge. In seinen „Politischen Erinnerungen“, die jetzt zu seinem 85. Geburtstag erschienen sind, schreibt er: „Nur die schlechten Telefonverbindungen bewahrten mich davor, eine Falschmeldung in die Welt zu setzen, wie sie heute innerhalb von Minuten, von Sekunden, über Rundfunk, Fernsehsender und durch das Internet kursieren würde.“

Ruhe bewahren, sorgfältig recherchieren, Informationen überprüfen - das zeichnet den Auslandsreporter Ruge aus. „Gerüchte kochen heute viel schneller hoch“, sagt er. „Es ist schwieriger geworden für Korrespondenten, Inhalte erst einmal klar abzugleichen mit der Wirklichkeit.“ Adenauer wollte damals keineswegs die Verhandlungen abbrechen. Vielmehr kehrte er im Triumph nach Deutschland zurück, weil er die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen ausgehandelt hatte.

Auch bei der Kuba-Krise war Gerd Ruge nah dran an der Weltpolitik: Als ARD-Korrespondent in Washington verfolgte er, wie die Supermächte USA und Sowjetunion beinahe einen Atomkrieg anzettelten. Im Rückblick weiß er: Vieles von dem, was er und die anderen Journalisten sich zusammengereimt oder geschrieben hatten, stimmte nicht. Die Öffentlichkeit erfuhr wenig von der Geheimdiplomatie zwischen US-Präsident John F. Kennedy und seinem sowjetischen Gegenspieler Nikita Chruschtschow - und das war auch gut so, meint Ruge: „Je mehr die Journalisten im Verlauf der Kubakrise erfahren und in die Öffentlichkeit getragen hätten, desto schwerer wäre vermutlich eine friedliche Auflösung der Konfrontation gewesen.“

Der frühere Hörfunk- und Fernsehreporter der ARD kritisiert das „Schwarz-Weiß-Denken“ vieler deutscher Zuschauer - und gibt den Medien eine Mitschuld: Manche Berichte über Menschenrechts-Demos in Russland oder Ägypten erweckten den Eindruck, als kämpfte dort die Mehrheit der Bevölkerung gegen eine als despotisch empfundene Regierung. Dabei sei die Realität viel komplizierter. „In Russland ist der größere Teil der eher konservativen Bevölkerung gegen die Frauengruppe Pussy Riot gewesen, aber das kam in den deutschen Medien nicht rüber.“

Ruge hat sich persönlich für Menschenrechte eingesetzt, war Gründungsmitglied und erster Vorsitzender von Amnesty Deutschland, aber: „Ich habe versucht zu vermeiden, die Berichterstattung über die Politik eines Landes abhängig zu machen von den eigenen Vorstellungen von Menschenrechten.“

Die Zurückhaltung ist aus Sicht von WDR-Intendant Tom Buhrow eine besondere Qualität. Ruges Arbeit sei so erfolgreich, weil es ihm nie darum gegangen sei, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Anderen. „Das hat auch das Publikum immer zu schätzen gewusst.“ Ruges Betrachtungen über viele politische Entwicklungen hätten den Blick von Generationen auf Amerika, Russland, China und die europäischen Nachbarn geprägt. Die Weltpolitik werde durch Ruge fühlbar. Dafür gebühre ihm der größte Respekt.

Als 16-jähriger Soldat überlebte Ruge mit Glück die Endphase des Zweiten Weltkriegs. Mit 20 ist er Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk. 1950 berichtet er über Jugoslawien, danach aus Korea und Indochina. 1956 geht er nach Moskau, 1962 in die USA, wo er über die Morde an den Brüdern Kennedy und Martin Luther King berichtet. 1970 übernimmt er die Leitung des ARD-Studios Bonn, 1972 geht er für „Die Welt“ nach China, 1977 wieder für die ARD nach Moskau. Von 1981 an moderiert er das Polit-Magazin „Monitor“, 1984/85 ist er WDR-Chefredakteur. 1987 zieht es ihn noch einmal nach Moskau.

Seinen 85. Geburtstag am 9. August will der gebürtige Hamburger in seiner Wahlheimat München feiern - mit seiner Frau, seinen zwei Kindern und fünf Enkelkindern. Ruges nächstes Projekt steht noch nicht fest. Gibt es Länder, die er noch nicht kennt? „Ja, aber ich würde lieber noch mal in Länder gehen, in denen ich schon mal war, um zu sehen, was sich dort verändert hat. Am liebsten nach China.“ Unterwegs also mit Gerd Ruge - Fortsetzung folgt.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Es ist wunderbar, hier einmal Gelegenheit zu haben, mich bei Gerd Ruge zu bedanken: für all seine differenzierten Korrespondentenbeiträge und Reisereportagen und seine Bücher, seine unaufgeregten Kommentare, jedes Fehlen des inzwischen wieder üblichen reißerischen und quotenbewussten Pathos, sein Engagement für Amnesty International und seine Hilfe für Lew Kopelew und Frau.
    Und nach diesem ARtikel kann ich mich auch noch bedanken für diese Aussage "und in die Öffentlichkeit getragen hätten, desto schwerer wäre vermutlich eine friedliche Auflösung der Konfrontation gewesen". Das ungute Gefühl, dass heute die Medien Taktgeber von Krisen sind, beschleicht einen ja immer öfter; das führt auch dazu, dass Politiker immer öfter Stellungnahmen von sich geben, die sie besser zuerst zu Ende gedacht hätten, und dass sich beim Empfänger der Informationsflut leicht so eine Daueraufgeregtheit einstellt, und man immer öfter diese FLut ausblenden und verschnaufen möchte, um das Erfahrene zu verdauen und sich zu fragen: werde ich gerade informiert oder manipuliert? Ist es Zeit für einen (neuen?) Verhaltenskodex für Journalisten?
    Wie auch immer: Viel Glück, Gerd Ruge, zum 85. und einen stets guten Tropfen.

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