Impressionismus
Den Mentor vergrault

Warum der Impressionist Thomas Herbst ein Geheimtipp geblieben ist . Ein Lehrstück.
  • 0

Hamburg„Thomas Herbst hat alles dafür getan, nicht berühmt zu werden. Seine Bilder haben kleine, museumsuntaugliche Formate, er stellte die letzten 20 Jahre seines Lebens nicht mehr aus und verbot Veröffentlichungen.“ Der Autor muss es wissen. Der Kunsthistoriker Carsten Meyer-Tönnesmann erstellt das Werkverzeichnis dieses fast vergessenen Künstlers, das 2013 erscheinen soll.

Dass der hochbegabte Impressionist Thomas Herbst (1848-1915) dennoch ein Glücksfall ist für Kunstsammler, verdankt sich einem kleinen Kreis von Verehrern um den Kunsthändler Rainer Herold. Für den von Hamburg und Kampen aus agierenden Galeristen ist Herbst schlicht „der beste Hamburger Maler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts“.

Deshalb trägt Herold seit Jahrzehnten die meist kleinformatigen Ölbilder und in der freien Natur gefertigten Skizzen zusammen, verlegt Bücher über den Dandy an der Staffelei und stellt ihn regelmäßig in Einzel- und Gruppenausstellungen aus. Und hat Erfolg: Für die Mischung aus genauer Tierbeobachtung und impressionistischer Landschaftsauffassung begeistern sich der Textilunternehmer Jan Ahlers, der Freshfields-Anwalt Christoph Seibt sowie „Loki“ und Helmut Schmidt.

Beim Studium im Atelier des Berliner Tiermalers Carl Steffeck hatte Herbst 1866 Max Liebermann kennengelernt. Sie werden Freunde und wechseln zusammen an die Kunstschule in Weimar. Später reisen sie gemeinsam nach Paris und München. 1884 geht Herbst zurück nach Hamburg. Liebermann startet in Berlin, unterstützt vom Großbürgertum der Reichshauptstadt, seine glänzende Karriere. Herbst dagegen bleibt eine lokale Größe.

„Aus so simplen Motiven wie Kuh, Baum oder Wiese macht Herbst ein Meisterwerk, was Kolorit und Duktus betrifft,“ schwärmt Herold. „In den 1870er-Jahren war Herbst auch moderner als der heute viel berühmtere Max Liebermann.“

Diese „Lese“-Anleitung ist wichtig, denn der heutige Betrachter neigt dazu, ein Bild vor allem über das Motiv wahrzunehmen. Weidende Kühe, stille Wiesen und schattige Haine sind aber gewollt unspektakuläre Motive, in denen sich Herbsts Modernität zeigt. Zu Lebzeiten war Herbst ein Künstler, den Künstler hoch schätzten, ein Geheimtipp.

Als Rainer Herold in den 1980er-Jahren anfängt, mit Malern aus Hamburg und Schleswig-Holstein zu handeln, kosten Herbst-Gemälde höchstens 4000 D-Mark, Studien gibt es für 500 Mark. Heute kosten Gemälde meist zwischen 10.000 und 30.000 Euro. Das gilt allerdings nicht für Ausnahmebilder, die kommen inzwischen schon auf 50 000 bis 70 000 Euro. Verglichen mit den Max Liebermann-Höchstpreisen für die beliebten Wannsee-Gartenbilder, die sechs-, meist aber siebenstellig notieren, ist das bescheiden. Und damit eine Chance für Sammler.

Kommentare zu " Impressionismus: Den Mentor vergrault"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%