In Berlin werden Déja-vu-Erlebnisse aneinandergereiht
Kollektiv der Pappkameraden

Opulente Ausstellungen in Frankfurt und Berlin widmen sich der Kunstfabrik des Kommunismus, entwerfen ein pauschales Panorama und enttäuschen.

Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Der Ahnensaal des Kommunismus, den die Frankfurter Schirn ins Zentrum ihrer Schau „Traumfabrik Kommunismus“ stellt, lässt die offizielle russische Kunst der zwanziger bis vierziger Jahre Revue passieren. Es sind meist Großformate, die mit den gängigen Pathosformeln der Kunstgeschichte spielen: im Dienst des sozialistischen Realismus, der die akademische Malkultur mit Bildwirkungen der Fotografie und des Films verschmelzt.

Die Künstler, die sich in diesem „Ehrensaal“ präsentieren, erweisen sich als brave Propagandisten eines medialen Staatsapparates, der nach einem Beschluss des Zentralkomitees von ihnen forderte, dass sie „die Plattform der Sowjetmacht unterstützen“. Es sind Propagandabilder, wie wir sie seit der napoleonischen Ära kennen.

Da reitet Marschall Schukow in einem Hochformat von Wassilij Jakowlew wie eine Himmelserscheinung über den Trümmern von Berlin. Da wird Lenin zur einsamen Lichtfigur auf der von roten Fahnen umwehten Tribüne hoch über den Massen (Alexander Gerassimow). Da schreitet die Staatsführung auf Dmitrj Nalbandjans Kremlbild in feierlicher Hierarchie die Freitreppe herab – ein lächelndes Kollektiv von Pappkameraden.

Es gibt in dieser Ausstellung auch Bilder, die bei allem Bezug auf die Massenkultur und die Ideologie des neuen Menschen eigene ästhetische Positionen vertreten: Juri Pimenows Ölbild „Das neue Moskau“ wagt den Blick in eine lebendige, vom Verkehr durchpulste Metropole aus der Perspektive einer hinter dem Steuer ihres Automobils sitzenden Frau; Alexander Dainekas Sportbilder heben sich in ihrer offenen Dynamik stark von den Pinselbekenntnissen der Stalin-Ära ab. Dass dieser Künstler auch platte Programmwerke wie das der festlich gewandeten Stachanow-Arbeiter „Auf dem Weg Stalins“ schuf, schmälert seine frühen Leistungen nicht.

Die Ausstellung, in der auch Architekturentwürfe, Plakate und Filmausschnitte nicht fehlen, wagt die Gegenüberstellung mit zeitgenössischer russischer Kunst, die sich mit dem Alltag von heute befasst und einen ironischen Rückblick auf die Vergangenheit wirft.

So steht die Tristesse der im vergangenen Jahr entstandenen Moskauer Badefotos von Boris Mikhailow dem sonnigen Morgenbild mit turnendem Teenager von Tatjana Jablonskaja aus dem Jahr 1954 gegenüber. So ist Erik Bulatows Meeresbild mit dem am fernen Horizont erscheinenden Hammer-und-Sichel-Emblem („Sonnenauf- oder Untergang“) eine skeptische Antwort auf den Architekturprunk der Metrostationen. So hängt zwischen Propagandaschinken Komar & Melamids „Stalin und die Musen“, auf dem der Diktator den Frauen des Olymp seine gebundenen Schriften überreicht.



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