In der amerikanischen Literatur wird China als eigentliche strategische Herausforderung wiederentdeckt
Konkurrenzängste einer Supermacht

Mit wachsender Distanz zum 11. September 2001 entdecken die Amerikaner ein Thema neu, das bereits in den neunziger Jahren im Vordergrund stand: China. Mit jedem Jahr erscheint das wirtschaftlich boomende Milliardenreich mehr als der einzige Herausforderer der Supermacht USA. Immer stärker wird China deshalb zum Dreh- und Angelpunkt strategischer Überlegungen Amerikas.

HB BERLIN. Dies zeigt sich in der politischen Debatte. Ablesbar ist dies aber auch an der Flut neuer Publikationen zum Reich der Mitte. Während in Deutschland die Frage nach der strategischen Bedeutung des Aufstiegs Chinas nur eine Hand voll Spezialisten interessiert, werden in der politischen Literatur der USA längst alle Aspekte dieser Herausforderung abgeklopft. Wer sich bisher wunderte, wieso die amerikanische Reaktion auf die angestrebte Aufhebung des EU-Waffenembargos gegen China so heftig ausfiel, dem sei die Lektüre empfohlen.

Eindrucksvoll ist dabei die Breite der Beschäftigung mit China. Ted Fishman etwa nimmt sich vor allem das Thema vor, woher die ungeheure wirtschaftliche Dynamik in dem Land kommt. David Shambaugh widmet sich der Modernisierung der chinesischen Streitkräfte und untersucht, ob diese schon heute zu einem ernsthaften Konkurrenten für die USA geworden sind - was er verneint. Und Ross Terrill widmet sich in seinem eindrucksvollen Buch mit stark historischen Exkursen etwa der Frage, wie "modern" der chinesische Staat eigentlich ist und wie Zentrum und Peripherie in diesem Riesenreich zusammengehalten werden können.

Erschreckend wird für die meisten europäischen Leser sein, dass alle Autoren von einer künftigen Frontstellung zwischen der Demokratie USA und einem autoritären, aber wirtschaftlich erfolgreichen China ausgehen. Durchgehend wird der Aufstieg des Landes mit einem drohenden Abstieg der USA gespiegelt. Robert Kaplan, einflussreicher konservativer US-Militärexperte, lässt schon im Titel seines Aufsatzes keinen Zweifel, wohin für ihn die Reise geht. "How We Would Fight China - The Next Cold War" endet in der Feststellung, dass nur eine "Eindämmungs"-Politik gegenüber Peking die Verdrängung der Amerikaner aus Asien verhindern kann.

Noch weiter geht Constantine Menges, mittlerweile verstorbener Dozent der Georgetown Universität in Washington. Er versteigt sich zu einem haarsträubenden Szenario, wie China bis 2025 die Weltherrschaft erlangt. Bis 2008 hat sich Peking demnach Taiwan einverleibt, bis 2012 Japan "neutralisiert". Dann wird Westeuropa politisch kaltgestellt, schließlich presst China Russland das energiereiche Sibirien ab und setzt sich gegen die USA durch.

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