In der Glitzer-Welt der Logen genießt der Edelfan den einstigen Arbeitersport
VIP, VIP, hurra!

Seinen Platz an der Sonne hat er schon sicher. Wenn um 20.30 Uhr im neuen Münchener Stadion das Spiel der Bayern gegen die Borussia aus Mönchengladbach angepfiffen wird, kann sich Alexander Hartl gemütlich in seinen Logenplatz zurücklehnen und seinen roten Bayern bei Weißbier und Häppchen die Daumen drücken.

Der Fanjubel, der aus der Südkurve zu seinem Logenplatz herüberschallt, ist für den selbstständigen Fondsmanager das Tüpfelchen auf dem "i" eines wunderschönen Fußballabends. Von der Glitzer-Welt der Logen ist der Fan in der Kurve weit entfernt - nicht nur räumlich. Klassengegensätze können da schon einmal aufbrechen. Über die "Lifestyle-Streber" und die "Champagner-Gesellschaft" wird dann in Fan-Foren im Internet gelästert.

Wer jetzt aber auf die Idee käme, Hartl als "Edelfan" zu beschimpfen, der würde seinen Widerspruch herausfordern. "Unter einem Edelfan verstehe ich jemanden, der nur zu einem Bayern-Spiel erscheint, wenn Real Madrid aufläuft." Mit diesen Zeitgenossen will Hartl nichts gemein haben. Er ist auch dann als Fan im Stadion, wenn der MSV Duisburg zu Gast in München ist. "Ich bin seit 1988 Bayern-Anhänger und mit Herz und Seele bei fast jedem Spiel dabei", erzählt der 26-Jährige.

Im Gegensatz zum professionellen Scampi-Esser im Stadion schätzt der Fondsmanager die Möglichkeit zu geselligen, geschäftlichen Kontakten. Sie lassen sich in der Loge besser schließen als in der lautstarken Atmosphäre der Südkurve.

Den Fans dort überaus wohlgesinnt ist Philipp Köster, Chefredakteur des Fußball-Kulturmagazins "11 Freunde". Die Logen-Besucher würdigt er mit kritischem Auge. "Eine Demarkationslinie ist dann überschritten, wenn es nur noch um die VIPs geht, die gar nicht mehr mit dem normalen Fan in Berührung kommen, weil sie eigene Zufahrtswege ins Stadion haben und später das Spiel hinter Glas verfolgen", sagt Köster. Einen "Klassengegensatz" zwischen Arm und Reich in den Arenen will er allerdings nicht feststellen. Er macht sich vielmehr für eine friedliche Koexistenz zwischen Logen- und Stehplatzfans stark.

Und genau wie im wirklichen Leben gibt es auch in den Stadionwelten die "Mittelklasse". Sie bevölkert die Gegengeraden der Arenen. Aufstiegsambitionen zum "Edelfan" haben diese Zuschauer nicht. "Sie sympathisieren lieber mit den Fans in der Kurve", sagt Köster. Doch was sich auf den teuren Plätzen der Arenen tut, hat auch für die Mittelklasse Unterhaltungswert. Denn nicht nur Unternehmer wie Hartl sind dort anzutreffen, sondern auch Showstars, Künstler und Politiker. Diese lassen sich gern bei Bundesliga-Spielen sehen und sind Blickfang vieler Kameras.

In Sachen Lieblingsverein zeigt sich auch der amtierende Bundeskanzler sehr flexibel. Er ist Ehrenmitglied von Borussia Dortmund und engagiert sich auch als Fan von Hannover 96 und Energie Cottbus. Treue Edelfan-Seelen sind dagegen der TV-Moderator Günther Jauch, der Schauspieler Heinz Hoenig und Talkmaster Johannes B. Kerner. Ihnen wird eine Vorliebe für Hertha BSC nachgesagt. Volkstümlich mag es der Bulle von Tölz, Ottfried Fischer. Der schwergewichtige Serienstar begründet seine Vorliebe für den zweitklassigen TSV 1860 München sehr einleuchtend: "Ich sehe gern, wie andere sich bewegen, während man selber Ruhe hat." Klare Bekenntnisse zur fußballerischen Unterklasse liefern Bands wie die "Toten Hosen" und die "Ärzte" ab.

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