In der Krise plädieren Autoren für einen selbstbewussten Kontinent
Balsam für die europäische Seele

Es war kein gutes Jahr für die Europäische Union. Die Verfassung liegt auf Eis. Ums Budget streiten sich die Mitglieder wie die Kesselflicker. Und in Sachen Erweiterung wollen die Bürger nicht so, wie die Regierenden es wollen. Naht der Anfang vom Ende des Projekts der Einigung?

So weit soll es nicht kommen. Ex-Ministerpräsident Lothar Späth, der Publizist Gunter Hofmann und der ehemalige KLM-Manager und Unternehmer Donald Kalff versuchen, der europäischen Idee neuen Atem einzuhauchen. "Europas Chance besteht (. . .) darin, seine speziellen Erfahrungen und einzigartigen Errungenschaften als Alternativmodell in den Dienst der Menschheit zu stellen. Die Sache Europas (. . .) könnte der Beginn einer neuen Weltordnung sein", schreibt Lothar Späth voller Optimismus. Der einstige Chef der Jenoptik AG sieht die EU als "kulturelles Netzwerk vieler Staaten, die sich zu einer menschenwürdigen Grundordnung bekennen". So habe Europa eine "zeitgemäße Freiheits- und Toleranzbotschaft" für die ganze Welt.

So weit die Vision - faszinierend. Die Realität freilich ernüchtert. Die Europa-Skepsis in den Bevölkerun-gen wächst. Die ablehnenden Verfassungsreferenden der Franzosen und Niederländer haben gezeigt, dass die Menschen nicht mehr bedingungslos bereit sind, an das Projekt Europa en gros zu glauben - sie wollen wissen, was sie davon haben. Frieden und Freiheit mochten im Kalten Krieg zwingende Argumente gewesen sein. Das reicht nicht länger. Europas Bürger fordern sichere Jobs und verlässliche soziale Standards.

Späth holt in seinem klar formulierten Buch weit aus. Am Beginn steht eine Bestandsaufnahme jener Probleme, mit denen die Menschheit jetzt und in naher Zukunft konfrontiert ist: Armut, Umweltverschmutzung, Süßwasserknappheit, Bevölkerungswachstum bei gleichzeitig schrumpfenden Gesellschaften in Europa. Sein Fazit klingt nicht gerade, als komme es aus dem bürgerlichen Lager: "Wir bräuchten für die weltweite Verbreitung des westlichen Lebensstils noch einen zweiten Planeten Erde." Armutsbekämpfung verlange letztlich den Rückzug aus Verschwendungssucht und eine Orientierung an Nachhaltigkeit. Die globale Wirtschaft benötige deshalb eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die über Ländergrenzen hinweg wirksam ist - und genau dafür könne die Europäische Union als "offene Gesellschaft" im Sinne des Philosophen Karl Popper als Beispiel dienen.

Europa als Antipode zu den USA? Für den ehemaligen KLM-Manager Donald Kalff ist das keine Frage. "Nur Europa kann das Blatt wenden" lautet der zentrale - letzte - Satz seines Buches. Das ist Auftrag und inbrünstiges Hoffen zugleich. "Die Verfechter des amerikanischen Kurses" - und damit meint Kalff sowohl die Wirtschaftspolitik als auch das auf Shareholder-Value ausgerichtete Unternehmensmodell - "vertreten unter dem Mantel von Recht und Ordnung das Gesetz des Dschungels." Dafür zahlten Aktionäre, Angestellte und Verbraucher die Zeche. Beispiele lieferten die Unternehmensskandale in 2001 und das Platzen der Börsenblase.

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