Indische Kultur
Der IT-Spezialist und das Horoskop

Tradition und Moderne gehen in Indien Hand in Hand. Auf Europäer aber wirken viele kulturelle Eigenheiten sehr fremd und unverständlich. Die Soziologin Shalini Randeria korrigiert europäische Vorstellungen über die Kasten und den Hindu-Nationalismus.

BERLIN. Mitte des Jahres meldete eine erstaunte europäische Presse, dass Studenten indischer Elite-Universitäten gegen die Ausweitung der in der Verfassung festgelegten Quoten für Angehörige niedriger Kasten und Kastenlose protestieren. Das würde die Qualität des akademischen Nachwuchses senken und den Aufstieg Indiens in die Reihe der Global Player unter den Wissensnationen gefährden. Studienplätze sind in Indien knapp, entsprechend ausgeprägt ist der Wettbewerb darum. Konkurrenz ist nachvollziehbar. Aber Kasten?

Ist das nicht etwas, was die aufstrebende Nation so schnell wie möglich loswerden will? "Nein", sagt die Ethnologin und Soziologin Shalini Randeria. "Kasten sind keine Atavismen einer dahinschwindenden Vergangenheit. Sie sind konstitutive Elemente des modernen Lebens in Indien." Sie nennt ein Beispiel: Auch im Herbst 2006 wird der Computerspezialist aus Bangalore, der an einer der Eliteuniversitäten studiert hat und alle Kulturtechniken der modernen Welt perfekt beherrscht, seine Eltern fragen, wen er heiraten darf, und sich ein Horoskop stellen lassen. Und auch die Zugehörigkeit zur Kaste, einer Heiratsgruppe, die über den Beruf der Männer definiert wird, spielt dabei eine Rolle. In der Stadt jedoch mittlerweile weniger als auf dem Land.

Dass in Universitäten über Quoten für Kasten-Angehörige gestritten wird, hat nichts mit einem Gefälle zwischen Tradition und Moderne zu tun. "Es ist allein der westliche, dichotome Blick, der die Welt in binäre Gegensatzpaare teilt: traditionell-modern, religiös-säkular, westlich-nichtwestlich", erklärt Randeria. "Dabei schaut man zudem auf das, was fehlt - oder noch fehlt -, nicht auf das, was da ist." Leider sei das nicht nur der Blick vieler Touristen und Geschäftsleute, sondern bis heute auch der Blick der Sozialwissenschaften und ihrer Modernisierungstheorien, seien es liberale oder marxistische.

"Wer vor allem die Unfreiheit des Kastenwesens betont, übersieht dessen sozialintegrierende Funktion", korrigiert die Wissenschaftlerin einen Lieblingsmythos des westlichen liberalen Bürgertums. Kasten (in Indien: "Jatis", der Begriff Kaste ist portugiesischen Ursprungs) bieten für ihre Mitglieder nicht nur eine Vielzahl von Dienstleistungen wie den Unterhalt von Schulen und Colleges oder die Vergabe von Stipendien und preiswerten Krediten. Sie sind auch ein selbst organisierter Raum zwischen Familie und Staat, in dem familiäre Konflikte geschlichtet werden - und zwar mit Erfolg. Anders als vor den Gerichten eines fernen Staates, die schwer zugänglich sind und Urteile zumeist nur langsam und ineffizient durchsetzen.

Seite 1:

Der IT-Spezialist und das Horoskop

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%