Indische Kunst
Niemand tanzte auf der Vernissage

Das Pariser Centre Pompidou beschäftigt sich mit der Gegenwartskunst Indiens. Indische Werke stehen neben Auftragsarbeiten französischer Künstler. Die Schau krankt an ihrem schwachen Konzept.
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Paris„Das Centre Pompidou funktioniert wie eine indische Hochzeit, denn es gibt drei Vernissagen“, belustigt sich die indische Galeristin Sunitha Kumar Emmart von der GallerySKE aus Bangalore. Emmart hatte ihren  Künstler Sudarshan Shetty nach Paris begleitet, wo seine Werke nun in der Pariser Galerie Daniel Templon und im Centre Pompidou zu sehen sind. Shetti ist einer von 47 indischen und französischen Künstler, die im Rahmen der Ausstellung „Paris-Delhi-Bombay“ ihre Sicht auf Indien thematisieren.

Organisatoren sind die Pompidou-Kuratorin Sophie Duplaix und der weltweit  vernetzte Journalist Fabrice Bousteau. Sie wählten 30 Inder (darunter zwölf Künstlerinnen) und 17 Franzosen (davon nur zwei Frauen) aus, die mit allen medialen Mitteln ihren Blick auf den rasanten Wandel der indischen Gesellschaft umsetzen.

Die Kuratoren haben den Rundgang in Themenfelder gegliedert. Im Zentrum der Schau befindet sich ein kreisförmiger Raum mit rotem Bodenbelag und Mauern, der zur dokumentarischen Einführung in Indiens Entwicklung seit der Unabhängigkeit im Jahre 1947 dient. Statistiken informieren über die Anpassung an die globalisierte Welt, die urbanistische Explosion, über Umwelt und Politik, Religionen und Geschlechteridentitäten. Zentrale Themen sind hier etwa die Homosexualität und die transsexuellen Gemeinschaften der „Hijras“ oder des „dritten Geschlechts“.

Franzosen wurden auf Reisen geschickt

Um sich von den Indien-Ausstellungen der letzten zehn Jahre zu unterscheiden, privilegierten Duplaix und Busteau die feministische und homosexuelle Problematik. Noch in einem weiteren, bedenkenswerten Punkt unterscheidet sich das Ausstellungsprojekt von anderen: Die in der Schau repräsentierten französischen Künstler werden gefördert und aufgefordert, während einer Indienreise ein Werk zu produzieren. Sie sollten ihre Sicht auf den Subkontinent, die größte Demokratie der Welt und das Land mit der zweitgrößten Bevölkerungsdichte (1.155 Milliarden Menschen) reflektieren. So entstanden ca. zwei Drittel der Exponate speziell für die Ausstellung. Von den indischen Künstlern sind nur die bekannteren Namen mit neuen Arbeiten vertreten.

Die Idee möchte an die historischen Ausstellungen der Anfänge des Centre Pompidou (Paris-New York, Paris-Moskau usw.) anknüpfen, scheitert aber an der Schwäche der Vorgaben. Die Werke der Franzosen können den Vergleich mit den international anerkannten indischen Künstlern nicht halten. Ausnahmen bilden die Arbeiten der Bildhauerin und Videokünstlerin Camille Henrot  (*1978) und von Orlan, Jahrgang 1947. Henrot beteiligte sich mit ihrer Videoarbeit „Psychopompe“ zum Thema der Schlange, eine schnell geschnittene Montage mit Bildern abendländischer und indischer Skulpturen, indischer Bräuche und pharmazeutischer Verwendungen. Das Video, das die Galerie Kamel Mennour vertreibt, wurde im Mai beim Filmfestival in Cannes gezeigt.

Lebendige Mutantin

Die zweite Französin, Orlan (*1947) zeigt eine hybride Flagge, eine Kreuzung aus einer französischen und indischen Flagge. Aus glitzernden farbigen Pailletten zusammen gesetzt und mit einem Ventilator in Bewegung gehalten, blitzt und blinkt diese von Orlan sog. „Drap-peaux hybridés“ (Mutierte Fahnen-Haut), ähnlich wie das durch chirurgische Eingriffe veränderte Gesicht der Künstlerin, die sich selbst als lebendige Mutantin inszeniert.

Der indische Topstar Subodh Gupta (*1964) richtete eine Art Geschäft für Küchenutensilien aus Edelstahl ein. Diese Höhle des „Ali Baba“, die den Luxus-Standard indischer Läden  reproduziert, erfreut zwar die Beaubourg-Besucher, die Subodh Guptas Werk nicht kennen und für die die Schau gedacht ist. Die Kenner von Guptas Werk heben jedoch die Augenbrauen. Schadenfreudig weisen sie darauf hin, dass das indische Auktionshaus Saffronart in einer Online-Blitz-Auktion am 2. und 3.Februar eine Kücheninstallation Guptas nur 184.000 Dollar einbrachte, obwohl Guptas Rekord weit darüber liegt.

Hammerattacke auf Spiegel

Sudarshan Shetty (*1963) stellte dank der finanziellen Hilfe seiner Galeristen in Paris und Bangalore eine riesige Aluminium-Konstruktion mit dem Titel „Sechs Käfige“ auf. Sie reicht aber keineswegs an die interessanten Werke in der Galerie Templon heran. Templon verlangt für eine relativ große Installation 40.000 Euro.

Erschreckend, aber überzeugend sind die zwei hohen, einen schmalen Gang bildenden Wände, die Hema Upadhyay (*1972) geduldig zu Installationen aus Metall, Plastik und Abfall zusammenfügte. Sie stellen die durch die Bevölkerungs-Zuwanderung wild wuchernden Vorstädte Bombays dar. Bharti Kher (*1969), der weibliche Künstler-Star Indiens, füllt einen Raum mit alten, gerahmten Spiegeln, die sie mit einem Hammer einschlug und mit ihrer Stirnmarke, den runden „Bindis“ beklebte. „Enthülle die Geheimnisse, die du suchst“, nennt Kher ihr für die Schau konzipiertes Werk.

Auch Khers Pariser Galerie Emmanuel Perrotin nützt die Gelegenheit der Stunde für eine Einzelschau Khers. Alte Stühle, über die sie Saris drapierte, fanden zum Preis von 45.000 Euro rasch Abnehmer. Hohe Leitern mit Stoffresten symbolisieren die Leere nach Trennungen und kosten 130.000 bis 160.000 Euro.

Der Einfluss der Galeristen

Phantasievoll und voller Humor sind die Installationen der in New York lebenden Inderin Rina Banerjee(*1963), die man nicht im Beaubourg, sondern im Asien-Museum Guimet und der Galerie Nathalie Obadia antrifft. Aus Federn, Stoffen, Billigschmuck, alten Möbeln, Draht oder Tierskeletten entstehen unter Banerjees Händen Märchen- oder Traumgestalten, zum Beispiel ein aus einem Sessel wachsender Elefantenrüssel. Banerjees Skulpturen kosten bei Obadia 25.000 bis 250.000 Euro. Am teuersten ist die  pinkfarbene und schwebende Version des Taj Mahal-Palastes.

Die finanzielle Beteiligung der Galeristen an den weltweiten Museums-Präsentationen ihrer Künstler wäre eine eingehende Studie wert. Selten war ihre Einbindung so offensichtlich wie jetzt im Centre Pompidou. Die erste Vernissage war logischerweise den Galeristen und Künstlern vorbehalten, die zweite der Presse und einigen extra eingeflogenen indischen Sammlerinnen von außergewöhnlicher Schönheit, die dritte einer anonymen Masse. Im Gegensatz zu den indischen Hochzeiten tanzte niemand bei den Vernissagen.

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