Insolvenz
Staatstheater droht der letzte Vorhang

Dem Mecklenburgischen Staatstheater droht zum Jahresende die Zahlungsunfähigkeit. Dass das größte Theater Mecklenburg-Vorpommerns in Insolvenz gehen muss, kann sich niemand so recht vorstellen.
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SchwerinDem Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin droht eine unheilvolle Premiere: Erstmals könnte in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik eine Staatstheater GmbH in Insolvenz geschickt werden, befürchtet die Deutsche Orchestervereinigung (DOV). „Ich neige nicht zu übertriebenem Alarmismus“, beteuert der Geschäftsführer der Orchester-Gewerkschaft, Gerald Mertens, in Berlin. Aber dass eine öffentlich finanzierte Theater-GmbH in Insolvenz geht, das habe es noch nicht gegeben. In Berlin sei zwar 1993 das Schiller-Theater geschlossen worden, doch seien die Beschäftigten Staatsbedienstete gewesen und „aufgefangen“ worden. Das sei bei einer GmbH nicht der Fall. Überall, vor allem in den neuen Ländern, sei die Finanzsituation von Theatern ähnlich schwierig wie in Schwerin.

Die Arbeitgeberseite, der Deutsche Bühnenverein, fordert für das Schweriner Theater einen „Rettungsschirm“, um die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Trete diese erstmal ein, sei Geschäftsführer Joachim Kümmritz verpflichtet, innerhalb von drei Wochen den Insolvenzantrag zu stellen, sagte der Geschäftsführer für den Norden, Joachim Benclowitz, in Hamburg. Am Mittwoch tagt der Aufsichtsrat der Staatstheater GmbH. Haupttagesordnungspunkt: Die wirtschaftliche Situation des Hauses. Möglicherweise wird das größte Theater des Landes seinen 320 Beschäftigten die Dezember-Gehälter nicht mehr zahlen können. Der Aufsichtsrat könnte sich bereits jetzt für eine Insolvenz entscheiden. Benclowitz zufolge gibt die Politik dann aber „das Heft aus der Hand“. Der Insolvenzverwalter entscheide allein nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten etwa über die Spartenanzahl.

Dem Mecklenburgischen Staatstheater mit einem Jahresetat von 22 Millionen Euro fehlt nach Angaben einer Sprecherin rund eine Million. Das Land gebe 9,6 Millionen, die Stadt 6,6 Millionen. Die Eigeneinnahmen seien mit 4,8 Millionen Euro im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch. Als Grund für den Finanznotstand gelten vor allem die Personalkosten, die 80 bis 85 Prozent des Theateretats ausmachen und entsprechend der Tarifverträge steigen. Der Landeszuschuss für alle sechs Theater im Land ist ungeachtet dessen seit 1994 bei 35,8 Millionen Euro jährlich eingefroren. Das sei in keinem anderen Bundesland der Fall, sagte Mertens. „Zumindest ein Inflationsausgleich müsste drin sein.“ Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) hatte schon Anfang Oktober zur 125-Jahr-Feier des Theaterhauses einen deutlichen Hilferuf an das Land gesandt: „Ohne Hilfe des Landes schaffen wir es nicht.“

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