Interview: Horst-Eberhard Richter
„Wir brauchen mitreißende Vorbilder“

Er ist Deutschlands bekanntester Psychoanalytiker: Im Handelsblatt-Interview spricht Horst-Eberhard Richter über die Krise als Folge des allgemeinen Werteverfalls, das stille Leiden der Menschen und ihre Sehnsucht nach überzeugenden Führungspersönlichkeiten.

Handelsblatt: Herr Professor Richter, die Finanzkrise hält Politik und Wirtschaft in Atem. Was macht die Krise eigentlich mit den Menschen?

Richter: Die Menschen sind verwirrt. Da ist eine große Krise, aber kein äußerer Feind, an dem man das Unbehagen abreagieren kann – keine Terroristen, keine Schurkenstaaten, keine der üblichen Verdächtigen wie Gauner oder Gewalttäter. Als die anonymen Schuldigen entpuppen sich ganz normale Leute aus der renommierten Bankenwelt. Das macht zunächst ohnmächtig und ratlos.

Aber an Erklärungen für die Krise fehlt es doch nicht ...

Ja, die Leute lernen: Angerichtet haben das Übel die ungeregelten Finanzmärkte und die Steueroasen in aller Welt. Weshalb hat man die unkontrolliert gelassen? Waren dafür nicht die gleichen Politiker verantwortlich, die uns Freiheit als Schutz vor Zwang versprochen haben, aber die Freiheit zu egoistischer Gier und Zockerei, der sie den Weg bahnten, verschwiegen haben? Aber an dieser Stelle möchten die Leute nicht gern weiterdenken. Denn schließlich haben sie genau diese Politiker selbst gewählt, jene Politiker, die jetzt Termine ausmachen für Verhandlungen, auf denen Prinzipien für die Kontrolle der Märkte festgelegt werden sollen, um bei späteren Terminen Handlungsentscheidungen zu treffen – vorausgesetzt, dass man sich einig wird.

Das klingt kritisch – gegenüber der Politik und gegenüber den Menschen.

In Wahrheit ist das erst sekundär eine Krise der Börsen, der Banken und der Finanzmärkte. Es ist im Grunde eine Krise des gemeinsamen Werteverfalls. Die Korruption hat sich in den letzten Jahrzehnten bis in die hohen Konzernetagen hineingefressen. Darüber habe ich schon 1989 meine Satire „Die hohe Kunst der Korruption“ geschrieben. Manche inzwischen von Parteigeld-Skandalen beschädigte Politiker sitzen heute ungeniert in hohen Parteiämtern. Gerade die, die das Loblied der ungeregelten Marktfreiheit am lautesten gesungen haben, schimpfen nun über gierige Egoismen, als wüssten sie davon nur bei anderen.

An wen denken Sie?

Die Leute sind allgemein bekannt. Aber für mich sind nicht die prominenten Ertappten das Problem. Das eigentliche Ärgernis ist, dass die Öffentlichkeit solche Skandale nur unwillig aufarbeitet. Unlauterkeit wird zum bloßen Versehen, zum Blackout oder zur banalen Panne. Das ist die Spiegelung des Werteverfalls. Das Schlimme wird zur Normalität.

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