Interview: „Langsame Herzen leben länger“

Interview
„Langsame Herzen leben länger“

Willi Heepe, der Mitbegründer des Berlin-Marathons, über das "Lauftier Mensch" und Sex im Alter.

Sie sagen, der Mensch sei ein Lauftier, dem das Laufen verboten werde, um an seinen Krankheiten zu verdienen. Sind wir alle Opfer nicht artgerechter Haltung?

Heepe: Das ist die heutige Medizin: An Krankheit wird verdient. Aber eine Prävention, die sie verhindert, fehlt. Ebenso ein positiver Begriff von Gesundheit. Die Definition der Weltgesundheits-Organisation lautet etwa: physisches und psychisches Wohlbefinden bei Abwesenheit von Krankheit. Aber ist jemand gesund, der sich wohl dabei fühlt, 120 Kilo zu wiegen, 30 Zigaretten täglich zu rauchen und nur herumzusitzen?

Ist der denn krank?

Klar ist jedenfalls, dass seine Lebenserwartung statistisch reduziert ist. Der Anatom Wilhelm Roux aus dem 17. Jahrhundert hätte ihn für krank erklärt. Der wusste schon damals, dass nur ausreichende Funktion das Organ gesund erhält. Wir kennen das allenfalls aus der frühen Sportmedizin. Dort galt, dass Training nicht nur gesund ist, sondern auch die Leistung erhöht.

"Lauftier Mensch", das klingt weniger nach Trainingsdisziplin als nach natürlichem Bedürfnis.

Der Vogel fliegt, der Fisch schwimmt, der Mensch läuft! So hat es der mehrmalige Goldmedaillengewinner Emil Zatopek formuliert. Historisch sind wir zum Laufen geschaffen, weil wir keine besonderen angeborenen Fähigkeiten haben, außer ein bisschen mehr Intelligenz als unsere Beutetiere. Also mussten wir so lange hinterherlaufen, bis das getroffene Tier tot umfiel. Was für Jäger und Sammler auch belegt ist.

Aber warum sollten wir uns auf einer Laufstrecke quälen?

Körperliche Freiheit! Oder andersherum: weniger Einschränkungen. Meine Erfahrung ist, dass Lunge, Herz und Muskelskelett durch Training ungeheuer beeinflussbar sind. Für Gefährdete heißt das unseren Untersuchungen zufolge, neun von zehn Herzinfarkten und Schlaganfällen lassen sich durch geänderten Lebensstil verhindern.

Solange ich gesund bin, ist das sehr abstrakt - wo bleibt die unmittelbare Lebensqualität?

Für Gesunde heißt es, dass sie ihre Lebensintensität auf die Dauer erhöhen können. Trainierte fühlen sich beim Dauerlauf ebenso in Ruhe und Gleichgewicht wie ein Untrainierter beim Dahinschlendern. Nur dass sie eine bis zu 30 Prozent bessere Hirndurchblutung haben, intensiver empfinden, leben, mühelos mehr leisten.

Und wenn einem nach langem Arbeitstag und dem Familienleben die Zeit zum Laufen fehlt?

Ich kenne den Moment, wenn ich meine Laufschuhe anziehe. Da steht mein Auto, es regnet, es ist kalt. Ich frage mich: Bist du eigentlich bescheuert? Aber ein paar Hundert Meter weiter fühle ich mich als der glücklichste Mensch: Sieben Uhr früh, ich renne durch den Wald, komme frisch ins Büro, bin nach Jahrzehnten im Beruf noch geistig voll da, habe zwölf Stunden Arbeit vor mir und kein Problem damit.

Seite 1:

„Langsame Herzen leben länger“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%