Interview mit Biennale-Teilnehmer
Sehgal: „Ich suche eine andere Form der Produktion“

Tino Sehgal vertritt Deutschland bei der Biennale in Venedig. Der studierte Volkswirt und Tänzer spricht im Handelsblatt-Interview über die Ökonomie des Immateriellen.

Sie haben Volkswirtschaftslehre und Tanz studiert, was zuerst?

Ich habe beides in der gleichen Woche angefangen und zwar aus der gleichen Motivation heraus. Mich hat die Frage bewegt, ob es noch andere Formen des Produzierens gibt, als natürliche Ressourcen in Gebrauchsgegenstände umzuwandeln. Die Volkswirtschaftslehre erschien mir als der Ort, an dem ich ein Handwerkszeug zur Bearbeitung einer solchen Fragestellung erwerben könnte. Tanz hingegen als eine Art Lösung oder Antwort auf diese Frage, da er ja einem anderen Produktionsmodus folgt: er baut sich gleichzeitig auf und wieder ab, trotzdem ist er da und produziert Effekte.

Wie passt das zusammen? Ökonomie gilt als eines der materiellsten Fächer, die man sich vorstellen kann Tanz ist immateriell.

Ich habe sicherlich auch einen Gefallen an der Konzeptualität der Kombination gehabt. Aber das ist schon der Kern meiner Arbeit: diese zwei Ebenen zusammenzubringen.

Warum wünschten Sie sich ein Interview mit Ökonomen?

In der heutigen Zeit löst eine Teilnahme am Deutschen Pavillon bei der Biennale von Venedig eine große Medienaufmerksamkeit aus. Die Frage ist, was macht man damit? Mir schien es interessant, meine Arbeit mit dem Bereich, aus dem sie hervorgegangen ist, zusammenzubringen.

Steckt ein antikapitalistischer Impuls hinter Ihrer Arbeit?

Nein. Wir leben in einem bestimmten Distributionssystem, das man den „Markt“ nennen kann. Ihm unterliegt ein Produktionsmodus, der den zivilisatorischen Prozess angetrieben hat, nämlich das Transformieren von natürlichen Ressourcen. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Was heißt das für Ihre Arbeit?

Ich suche eine andere Form der Produktion, einen anderen Produktionsmodus. Nicht, ob es ein anderes Distributionssystem gibt. Ob auch ein anderer Produktionsmodus innerhalb unseres vorhandenen Distributionssystems realisierbar ist. Meine Arbeiten versuchen einen solchen anderen Produktionsmodus in den Markt einzuführen und gesellschaftlich aufzuwerten.

Ist das, was Sie tun, eine Kritik des Ökonomischen?

Die Kritik des Ökonomischen richtet sich ja heute meist gegen die zunehmende Ökonomisierung des Lebens. Die ist meines Erachtens nicht aufhaltbar. In dem Maße in dem Grundbedürfnisse mit immer weniger Arbeitsaufwand befriedigt werden können, werden weitere Bereiche des Lebens von Angeboten anvisiert, da ja auch die im Zuge der Effektivitätssteigerung freigesetzten Arbeitskräfte weiterhin ein Einkommen benötigen. Meine Frage ist wie dieser Prozess gestaltet werden kann, anstatt von vorneherein zu sagen, das ist was Schlimmes.

Aber entziehen Sie sich nicht mit immaterieller Kunst dem Kunstmarkt?

Nein. Wie jeder Markt ist der Kunstmarkt grundsätzlich offen: es wird das angeboten, was kulturell wertgeschätzt wird, also eine Nachfrage hat. Ich ändere lediglich die Verfasstheit dessen, was da getauscht wird. Das missverstehen manche Leute als Kritik an der Distributionsform, da dies leider die einzige Form der Kritik an Ökonomie zu sein scheint, die ein heutiger Diskurs vorsieht.

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