Interview mit Günter Grass
Literarische Win-Win-Situation

„Ich war mir keiner Schuld bewusst“, sagte Nobelpreisträger Günter Grass in einem Interview mit Ulrich Wickert. Am späten Donnerstag strahlte die ARD das Gespräch aus, das zwei Tage zuvor aufgezeichnet wurde.

Es war eine literarische Win-Win-Situation. Auf der Bühne: Zwei ältere Herren. Sie sitzen in einem dänischen Hotel, in schicken roten Sesseln. Die Stimmung hat etwas Gemütliches. Im Winter würde hier wohl ein offener Kamin stehen. Der eine Herr ist freundlich, beliebt, geschätzt als profilierter Journalist. Der andere aber ist, knorrig, dennoch angesehen, aber nun verwickelt in den größten Literaturskandal des Jahres. Sie sprechen über ein Buch, dessen erste Auflage nach zwei Tagen ausverkauft ist. Und sie sprechen über die Nebengeräusche, die dieses Buch „Beim Häuten der Zwiebel" ausgelöst hat.

Günter Grass, der Nobelpreisträger, der Moralisierer, war Mitglied der Waffen-SS. Zum ersten Mal hörte man davon am vergangenen Freitag in den Tagesthemen, in der Sendung von – natürlich – Ulrich Wickert: Grass habe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („FAZ“) ein Interview gegeben, in dem er seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS zugegeben habe, so der Tenor eines Nachrichtenbeitrags. Am nächsten Tag konnte man das Interview schwarz auf weiß lesen.

Seitdem ist nichts mehr wie es war. Empörung auf allen Kanälen, aber auch Verständnis für einen großen Literaten. Grass ist in aller Munde. Sein Buch ist in aller Munde. Und Wickert auch, denn die Sendung am Donnerstag war der Auftakt seiner neuen Literatur-Reihe. Mit „Wickerts Bücher" präsentiere sich der Noch-Anchorman der „Tagesthemen" von einer anderen Seite, so die Ankündigung der ARD. Als Kenner der Literatur, als Liebhaber von Büchern, als „Homme de Lettres".

Also fragt der „Homme de Lettres“, warum denn sein Gesprächspartner, Herr Grass, erst jetzt so richtig über seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS spreche. „Das lag bei mir begraben“, antwortet der Schriftsteller im hellbraunen Sakko. Die Gründe könne er nicht genau nennen. „Ich bin zur Waffen-SS gezogen worden, war an keinem Verbrechen beteiligt, hatte aber immer das Bedürfnis, eines Tages darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten.“ Und das habe sich jetzt erst ergeben.

Wickert und Grass kennen sich gut. „Ich war bei ihm als Journalist“, wird Wickert später der „FAZ“ sagen. Und auch, dass sie befreundet seien.

Journalistisch ist dies schwierig. Immer wird es Leute geben, die sagen. „Er müsste härter fragen. Er ist zu nett.“ Ist er auch, obwohl er Grass mit dessen eigenen Zitaten aus der Vergangenheit konfrontiert. So etwas ist unangenehm, vor allem für einen wie Grass, der früher gern den Zeigefinger hob und nun selbst im Zentrum öffentlicher Unmutsbekundungen steht. Aber er hält das aus. Zur Forderung polnischer Politiker, er solle die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt Danzig zurückgeben, sagt er: „Ich sehe von mir aus keinen Grund, diese Ehre zurückzuweisen.“

Immer wieder verweist Grass auf sein Buch. Aber die Lektüre hilft nur bedingt. Grass lässt in seiner Autobiografie viele Fragen offen, obwohl er 480 Seiten lang Zeit hat, die Dinge aufzuklären oder - um es in seiner Sprache auszudrücken - „die Zwiebel zu häuten“.

Ulrich Wickert plant seine nächste Sendung für den 4. Oktober, zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Welcher Literaturskandal dann auf dem Programm steht, war noch nicht in Erfahrung zu bringen.

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