Interview
Nobelpreis kann einen Literaten „wahnsinnig machen“

Wer ihn bekommt, hat erst einmal kein ruhiges Leben mehr: Der Literaturnobelpreis katapultiert Schriftsteller ins Rampenlicht. Ob die Jury mit ihrer Entscheidung richtig lag, wird oft erst im Rückblick klar.
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StockholmAgenten und Verlage werden jubeln angesichts des zu erwartenden Geldregens, wenn am Donnerstag in Stockholm der diesjährige Gewinner des Literaturnobelpreises verkündet wird. Für den Preisträger ist die Auszeichnung Ehre und Bürde zugleich, berichtet der schwedische Verleger Svante Weyler. Im dpa-Interview verrät er auch, wieso es oft so lange dauert, bis geniale Schriftsteller zu Nobelpreisehren kommen.

Wie wichtig ist der Nobelpreis für die Autoren?

Svante Weyler: Der Preis ist für den Preisträger wahnsinnig wichtig, aber er kann ihn zugleich auch wahnsinnig machen. Ein Nobelpreisträger ist wie ein Tiger in Afrika - sehr seltsam, er muss beguckt werden. Und es gibt so viele Institutionen auf der Welt, die ihm lieber zuhören als seine Bücher zu lesen. Imre Kertész schreibt in seinem gerade erschienenen Tagebuch von diesem doppelseitigem Wahnsinn.

Und was bedeutet der Preis für die Branche?

Für die Branche ist der Preis lebensnotwendig. Richtig gute Literatur hat es auf dem Markt und in den Verlagen schwer. Die Hoffnung auf einen Nobelpreis hilft ab und zu, einen skeptischen Verlagsleiter von dem Wert, Weltliteratur im Programm zu haben, zu überzeugen.

Wieso bekommen viele brillante Schriftsteller erst nach sehr langer Wartezeit einen Nobelpreis?

Die Akademie weiß, dass sie in der Vergangenheit auch Fehler gemacht hat. Und die sind fast immer darauf zurückzuführen, dass man Autoren zu früh ausgezeichnet hat. Es dauert sehr lange, ein guter Schriftsteller zu werden. Und um nobelpreisverdächtig zu werden, muss man oft schon ein Lebenswerk haben - und ist dann normalerweise ein alter Mann oder eine alte Frau.

Woran lässt sich überhaupt festmachen, ob die Akademie eine gute Entscheidung getroffen hat?

Der Preis bekommt seine Bedeutung erst nachher. Wenn die Preisträger 50 Jahre später noch als bedeutend wahrgenommen werden, können wir sagen: Das war eine gute Jury. Das erfordert manchmal prophetische Fähigkeiten.

Wovon lässt sich die Akademie in ihrer Entscheidung beeinflussen?

Wenn eine Diskussion zu sehr in eine Richtung geht, kann es sein, dass die Akademie in eine andere entscheidet. Sie will sich von solchen Zwängen befreien. Wenn die Akademie von Gerechtigkeit geprägt wäre, wäre sie etwas Politisches.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Interview: Nobelpreis kann einen Literaten „wahnsinnig machen“"

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  • Geradezu äusserst tragisch, dass deutsche Hochqualifizierte vermehrt aus D auswandern und Nobelpreise abholen und so in D eine grosse Lücke hinterlassen. Immerhin werden diese Lücken umgehend mit Fachkräften aus Afrika, Nahost und Südosteuropa wieder gefüllt.

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