Islamische Kunst
Gentleman-Forscher im wilhelminischen Zeitalter

Enzyklopädischer Wissensdrang machte Friedrich Sarre zum erfolgreichen Archäologen, Sammler und späteren Museumsdirektor. Seine ersten Forschungsreisen in den Orient unternahm er als Privatier. Später war er der Erste, der das Berliner Museum für Islamische Kuns leitete. Ein Blick auf sein Lebenswerk.

BerlinElitäre Käufer aus Nahost, darunter die Scheichfamilie von Katar, prägen heute den Markt für islamische Kunst. Handschriften, Teppiche und osmanische Iznik-Keramik bringen Spitzenpreise. Es sind Objekte, wie sie der Berliner Museumsdirektor Friedrich Sarre bereits um 1900 in den Ursprungsländern erwarb.

Auf einem Foto von 1899 sitzt er wie Karl Mays Kara Ben Nemsi in orientalischer Tracht inmitten seiner Kunstsammlung. Friedrich Sarre (1865-1945) war ein Pionier der islamischen Kunstgeschichtsschreibung, ein erfolgreicher Archäologe, großer Sammler und begnadeter Museumsmann. Ihm, dem ersten Direktor des Berliner Museums für Islamische Kunst, widmet „sein“ Museum nun die schon lange fällige Ausstellung, in der sich sein Lebenswerk unverbrämt mit der Politik und Geschmacksgeschichte der wilhelminischen Epoche verbindet.

Selbst finanzierte Forschungsreisen

Am Anfang eines konsequenten Lebenswegs steht der Connaisseur, der den Großteil seiner Sammlung zwischen 1895 und 1900 auf selbst finanzierten Forschungsreisen in die Türkei, den Kaukasus, nach Persien und Mittelasien erworben hatte. Viele dieser Objekte, die das breite Spektrum seiner Interessen zeigen, waren 1899 im Lichthof des Martin-Gropius-Baus, des damaligen Königlichen Kunstgewerbemuseums ausgestellt. Sie spiegelt sein umfassendes wissenschaftliches Interesse wider, das zwar die persische Kunst des 5. bis 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt stellte, sich aber auch die antike, byzantinische und ostasiatische Kunst einverleibte.

Nicht weniger als 48 Publikationen des Autors Sarre zeugen von diesem enzyklopädischen Interesse. Seine Ausgrabungen in Samarra im heutigen Irak gelten bis heute als Glanzstück deutscher Islam-Archäologie.

Kinder in orientalischem Kostüm

Wesentliche Stücke konnte Sarre nicht nur jeweils vor Ort erwerben, sondern auch im Pariser Kunsthandel, der neben den Auktionen ein Dorado der Spezialsammler aller Nationen war. Der Louvre-Kurator Gaston Migeon lud Sarre 1903 ein, Werke seiner Sammlung auf der ersten wissenschaftlichen Ausstellung islamischer Kunst in Paris zu zeigen.

Dass sich Sarres wissenschaftliches Interesse an der Kunst des Orients mit seinem privaten Lebensstil verband, zeigen Innenaufnahmen seiner 1905 in Babelsberg erbauten Villa. Auf ihnen posieren nicht nur Sarre, sondern auch seine vier Kinder in orientalischen Kostümen.

Ein geschöntes Bild

Die Orient-Sehnsucht ist eine Erscheinung, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts ganz Europa erfasste und bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts reichte. Ingres, Delacroix und Gérome hatten sie in die Malerei eingeführt. Eine Legion internationaler Maler, die in der Kunstgeschichte als „Orientalisten“ figurieren, verbreiteten fortan ein mehr oder minder geschöntes Bild der islamischen Welt. Die in den 1850er-Jahren im Britischen Museum gelandeten Ausgrabungen von Ninive und Nimrud hatten das Interesse bereits in England gefördert und die 1893 im Louvre gegründete Sektion „Arts musulmans“ steigerte die Orientlust nicht zuletzt bei den heimischen Sammlern. 1905 wird hier der erste eigene Saal für die „Kunst des Islam“ eröffnet.

Schenkung der Osmanen

In Berlin eröffnete Wilhelm von Bode, Generaldirektor der Museen, im Oktober 1904 die Islamische Abteilung. Er hatte Sarre die Leitung anvertraut, der, um seine Unabhängigkeit zu behaupten, diese Position ehrenamtlich übernahm. Erst 1921 bis 1931 nahm er eine definitive Stellung als bezahlter Direktor der Islamischen Kunstabteilung an, die seit der Schenkung der jordanischen Mschtta-Fassade durch den osmanischen Herrscher 1903, dem Erwerb des Aleppo-Zimmers (1912) und mit Sarres Schenkung von 686 Werken islamischer Kunst 1922 einen bedeutenden Zuwachs erfahren hatte. Und das, obwohl Sarre durch Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg einen großen Teil seines Vermögens verloren hatte.

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Kaiserlicher Totenkopf-Husar

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