Island
Große Krise en miniature

Die Isländer haben starke Nerven, heißt es. Doch die Finanzkatastrophe war auch für ihre stoischen Gemüter zu viel. Eine solche Eruption, wie Island sie im Oktober 2008 erlebte, hatte es noch nie gegeben. Jetzt arbeiten Autoren die Ereignisse auf – und schaffen neue Einblicke in die isländischen Zeiten des Aufruhrs.
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STOCKHOLM. Die Welt schaut ungläubig auf die kleine Insel im Nordatlantik. Gerade einmal 320 000 Menschen leben dort, vom Fischfang, Tourismus – und dem Finanzsektor. Es sind in aller Regel ruhige Leute, Gefühlsausbrüche sind den meisten fremd. Das aber sollte sich an jenem denkwürdigen Montag im Oktober 2008 grundlegend ändern.

Der konservative Regierungschef Geir Haarde hält damals eine dramatische Rede an die Nation, spricht vom Staatsbankrott. Haarde bereitet seine Landsleute auf eine Eruption vor, wie sie die Vulkaninsel selten zuvor erlebt hat. Das Bankensystem des Landes steht vor dem Kollaps, nachdem einige „Wirtschaftswikinger“ (so nennen die Isländer ihre Oligarchen) auf Gedeih und Verderb ihren Kreuzzug durch Europa durchgezogen haben. Auf Pump haben sie Banken, Versicherungen, Fluggesellschaften und Warenhäuser gekauft. Dann kam die globale Finanzkrise, und das Kartenhaus brach zusammen.

Premier Haarde weiß an diesem 6. Oktober 2008 noch nicht, dass er wenige Tage später die drei isländischen Banken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki verstaatlichen und den Internationalen Währungsfonds um einen Milliarden-Kredit anpumpen muss. Zusammenhalten, Anpacken in den schwersten Zeiten, darauf schwört er seine Landsleute ein und schließt mit den Worten: „Gott segne Island.“

Wie ein Pfeil bohrte sich dieser letzte Satz in die Seelen der Insulaner. Sie, die schon Vulkanausbrüche und Erdbeben gemeistert hatten, die bereits die eine oder andere Krise zuvor auf der sturmerprobten Insel im Nordatlantik hatten abwettern können, sollen sich nun auf Hilfe von ganz oben verlassen?

Nein, so läuft das nicht. Mit Löffeln und Kochtöpfen ziehen Hunderte Isländerinnen und Isländer vor das Parlamentsgebäude in Reykjavik, trommeln lautstark ihre Wut heraus. Tags darauf sind es schon tausend Menschen, dann zweitausend, dreitausend, zuletzt fast zehntausend Demonstranten. „Oddsson weg“ skandieren sie, wollen den Zentralbankchef und Ex-Premier David Oddsson zum Rücktritt zwingen. Er ist der Buhmann, hatte als Premier, so der Vorwurf, bei der Bankenprivatisierung die schönsten Stücke des Kuchens Partei- und Schulfreunden zukommen lassen, hatte als Zentralbankchef bei der Expansion der Institute auf Pump beide Augen zugedrückt. Nicht nur er musste tatsächlich gehen, die gesamte Regierung wurde aus dem Amt gejagt. Heute versucht Johanna Sigurdardottir mit ihrer rot-grünen Koalition, aus dem Scherbenhaufen einen Neuanfang mit EU-Beitritt und Euro-Einführung zusammenzusetzen.

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