„Ist man sein Beruf?“
Talentierte Zeitmillionärin

Tine Wittler weiß Bescheid. Im Roman „Parallelwelt“ beschreibt sie junge arbeitslose Redakteure.

Marnie Hilchenbach, Protagonistin des Romans, und Tine Wittler, ihre Erfinderin, sind 30. Zufall? „Marnie ist eine fiktive Gestalt, hat aber sehr viel von mir“, gibt Tine Wittler zu. Beide kennen die Welt von Pages Impressions, miesen Quoten und coolem Spirit – Codes flotter Vertreter der Neuen Medien, Leute mit dem Selbstbewusstsein, auserwählt zu sein. Dieser Status wurde teuer bezahlt. Zwölf Stunden Anwesenheit in der Redaktion Minimum, Adrenalinschübe ohne Ende, strikte Reduktion des Privatlebens. „Arbeiten, schlafen, mal rausgehen, am Wochenende Party. Dann wieder das Gleiche“, erinnert sich Tine Wittler. Ihre Marnie lässt sie sinnieren: „Ist man sein Beruf?“ Als dann überraschend das Aus kommt, wird das nach dem Schock und dem Flennen beim Schreibtischausräumen auch als Befreiung aus dem Hamsterrad empfunden. „Wenn ich nicht mehr arbeite, dann wird alles anders. Dann habe ich ein neues Leben“, denkt Marnie.

Tine Wittler war TV-Redakteurin bei einer Hamburger Produktionsfirma und erhielt im November 2002 ihre Kündigung, als ihr Sendeformat ans ZDF verkauft und sie nicht mehr gebraucht wurde. „Am selben Tag habe ich beschlossen, darüber einen Roman zu schreiben. Vier Monate später habe ich damit angefangen“, sagt sie.

Marnie ist Online-Redakteurin und begreift bei einer von der „Flanelletage“ einberufenen Betriebsversammlung: „Vierzig Angeschmierte sollt ihr sein.“ Vier Jahre Vollzeit sind abrupt zu Ende. Das Leben verläuft nicht mehr so konstant „wie eine Funktionskurve ohne Unbekannte“. Gefühlschaos, „Kundennummer“ beim Arbeitsamt, Demo mit Trillerpfeife, Sauftour. Ganztägig allein zu Hause. „Was geht in einem Menschen vor, der praktisch nie Zeit hatte“, fragt sich Tine Wittler. „Und das bricht plötzlich alles zusammen. Auf einmal stehst du allein gegen die Zeit, weil sie im Übermaß vorhanden ist.“

Ihre Heldin durchleidet es. Zwei, drei Tage „Urlaubsgefühl“, dann Rettung in Hyperaktivität, um nicht in die Bedeutungslosigkeit abgesogen zu werden. Lieber „anfreunden mit dem Nichts“. Einkaufen wird zum Alltagsinhalt. Zahnarzt, Frauenarzt, Augenarzt, Hausarzt erlangen enorme Bedeutung. Noch wird viel zu oft der Rechner hochgefahren, um festzustellen, dass keine Post da ist. Wohnung wienern, Kleiderschrank ausmisten, renovieren, Auto in die Werkstatt bringen.

Zwischendurch hektische Anrufe bei Bekannten, die keine Zeit haben, keinen Rat, aber Angst, auch bald auf der Straße zu stehen. Nebenher setzt das Nachdenken darüber ein, „wie lange ich schon keinen Sex mehr hatte“. Es war einfach nie Zeit dafür, und der eilig nachgeholte One- Night-Stand hinterlässt ein laues Gefühl. Und alles ist nur ein Überbrücken von Zeit – wohin?

Ein großartiger Roman, der massenhafte Erfahrungen unserer Rezessionszeit bündelt und sie individuell konturiert. Tine Wittler hat genau hingeschaut, was sich bei ihrer „freigesetzten Generation“ abspielt, wenn die Umwelt mit einer „Gesichtsgrätsche zwischen halb echter Betroffenheit und sehr echter Genugtuung“ reagiert, wenn man auf einmal zum „Gesprächskreis für Zeitmillionäre e. V.“ gehört.

Der Roman ist kein Bedrückungstext, sondern launisch, bisweilen fröhlich, immer ironisch. Sinnsuche ist ohnehin sinnlos, „weil es die Antwort nicht gibt“, sagt Eule, jobloser Akademiker, der mit seinesgleichen in Kneipen Tiefeninterviews führt. Zeit überbrücken.

Tine Wittler: „Ich bin ich“

Wie war der erste Tag nach dem Ende der Karriere?

Wittler: Trostlos, aber zugleich Beginn wiedererlangten eigenständigen Denkens. Ich bin nicht mehr mein Beruf, ich bin ich - und hatte einen Job.

Ihre Hauptfigur Marnie entkommt dem Schock nur durch Hyperaktivität. Wie war das bei Ihnen?

Nach meiner Freisetzung hatte ich Tage, an denen ich nicht wusste, warum ich morgens aufstand. Ich saß im Nachthemd den ganzen Tag vorm Fernseher und grübelte. Selbst die Entscheidung, unter die Dusche zu gehen, fiel schwer. Wenn die Kontakte weg sind, die Pflichten, der Druck, bricht das Gerüst eines Lebens schnell zusammen.

Was taten Sie, um mit dem „arbeitslosen Zustand“ fertigzuwerden?

Drei Monate nach meinem Rausschmiss habe ich mich selbstständig gemacht. In dieser Zeit erfuhr ich mehr über mich und Mitmenschen als im ganzen Leben zuvor.

Und heute?

RTL hat mit mir eine neue Sendung, ein recht unterhaltsames Format, pilotiert und mir dann ein Angebot gemacht. Ich habe einen Vertrag für ein Jahr. Dabei wollte ich mir eine freie Schriftstellerexistenz aufbauen.

Angestellt zu sein ist verlockender?

Ja, man hat ein festes Einkommen. Aber gänzlich entschieden ist noch nichts. Ich arbeite bereits an einem neuen Roman.

Tine Wittler Parallelwelt, Argon Verlag, Berlin 2003, 312 Seiten, 17,90 Euro Erscheinungstermin: 22.9.

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