J.M. Coetzee im Porträt
Ein zurückhaltender Autor mit geschliffener Prosa

Im Vergleich zu anderen bedeutenden Schriftstellern ist das Werk des Literatur-Nobelpreisträgers John M. Coetzee eher schmal - dafür hat aber fast jeder seiner Romane bisher einen Preis gewonnen.

HB JOHANNESBURG/ADELAIDE. Immer wieder wurde spekuliert, ob und wann er als zweiter Südafrikaner nach Nadine Gordimer (1991) die höchste Würdigung der literarischen Welt erhalten könnte. Ebenso wie bei Gordimer zieht sich auch bei Coetzee, der einer alten Burenfamilie entstammt, das Thema Apartheid durch das gesamte Schaffen.

„Seine intellektuelle Ehrlichkeit zersetzt alle Grundlagen des Trostes und distanziert sich von vom billigen Theater der Reue und des Bekenntnisses“, würdigt die Schwedische Akademie den Autor, der im vergangenen Jahr nach Adelaide in Australien ausgewandert ist. Coetzee schreibe über „die Wertungen und Verhaltensweisen, die das südafrikanische Apartheid-System mit sich geführt hat, die aber ihm zufolge überall entstehen können“.

Als bisher einziger Autor gewann er zwei Mal den renommierten britischen Booker-Preis und bescherte den Organisatoren gleich noch eine weitere Premiere: Er blieb als bisher einziger Gewinner stets der Preisvergabe fern. Coetzee gilt als zurückhaltender, mitunter rätselhafter Mensch. Er macht sich in der Öffentlichkeit rar und gibt kaum Interviews. Kritiker haben ihn als den „intelligentesten Schriftsteller Südafrikas“ gefeiert. Sein Stil ist unterkühlt, fast distanziert, doch seine Prosa geschliffen und eindringlich.

Im Mittelpunkt seiner Romane geht es meist um Scham, Schuld und Schicksal, Sühne, Reue und Schande. „Schande“ heißt auch eines seiner bekanntesten Bücher, das ihm 1999 zum zweiten Mal den Booker-Preis eingebracht hat. Hier beschreibt er den Kampf eines „entehrten“ Universitätslehrers unter den veränderten Bedingungen, die in Südafrika nach dem Fall der weißen Herrschaft entstanden sind.

Meist in realistischer Erzählweise leuchtet Coetzee die gesellschaftlichen Zustände seiner Heimat oft parabelhaft und allegorisch aus. Seine Figuren sind oft Ausgestoßene, die einsam und isoliert zwischen den Fronten stehen und auf der Suche nach Heimat schmerzhaften Erfahrungsprozessen unterworfen werden.

Der 1940 in Kapstadt als Sohn eines Anwaltes und einer Lehrerin geborene Coetzee hat englische und deutsche Wurzeln. Er setzt sich oft in Form einer Eltern-Kind-Beziehung mit den Folgen des Kolonialismus auseinander. Er besuchte englischsprachige Schulen und schloss ein Studium der Literatur und der Mathematik ab. 1962 ging Coetzee nach England, um als Computer-Programmierer zu arbeiten. Doch nur drei Jahre später siedelte er in die USA über, wo er an der Universität von Austin (Texas) 1969 im Fach Literatur promovierte.

Noch in den USA begann er mit ersten schriftstellerischen Versuchen. Nach Südafrika kehrte Coetzee 1971 zurück. An der Universität Kapstadt wurde er 1984 Professor für allgemeine Literatur. 1986 und 1989 lehrte er an der John Hopkins Universität in Baltimore. Seit rund zwei Jahren arbeitet der Hochschullehrer an der australischen Universität Adelaide.

Außer mehreren Romanen hat Coetzee auch drei Essay-Sammlungen veröffentlicht. Literarischen Ruhm und den ersten Booker-Preis erlangte der Autor erstmals mit dem Roman „Leben und Zeit des Michael K.“ (1983). Das Buch handelt von einem Gärtner, der vergeblich versucht, an einem Bürgerkrieg in seinem Lande unbeteiligt zu bleiben. In „Heart of the Country“ („Im Herzen des Landes“/1977) geht es um eine Frau, die auf ihrer einsamen Farm dem Wahnsinn verfällt.

Mehrfach ausgezeichnet wurde der Roman „Warten auf die Barbaren“ („Waiting for the Barbarians“, 1984), in dem ein Landrichter der brutalen Obrigkeit trotzt. 1997 publizierte Coetzee das Erinnerungsbuch „Der Junge. Eine afrikanische Kindheit“, für das das eigene Leben den Stoff lieferte. Seine Jugend betrachtet Coetzee dabei aus großer Distanz. Jüngstes Werk ist die Novelle „Elizabeth Costello“, die sich um eine ältere australische Akademikerin rankt.

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