Jazzen als idealer Ausgleich
Swingendes Business

Unter Deutschlands Managern finden sich viele Jazzfans. IDS-Scheer-Gründer August-Wilhelm Scheer erklärt für das Weekend Journal, warum es keine bessere Entspannung gibt und was Manager von Jazzern lernen können.

Verrauchte Kneipen, hochbegabte Musiker in ausgewaschenen Jeans, die oft für bescheidene Gagen sich die Seele aus dem Leib spielen. Die Welt des Jazz unterscheidet sich gravierend von der des Business mit ihren festen Ritualen, pompösen Vorstandsetagen und hohen Gehältern. Vielleicht ziehen mich aber gerade diese Gegensätze so an.

Louis Armstrong, Count Basie, Miles Davis – schon als Zehnjähriger war ich Jazzfan. Als Schüler habe ich von dem Geld, das ich während eines Ferienjobs in einer Papierfabrik verdiente, mein erstes Saxofon gekauft. Das Billigexemplar ist verloren gegangen, dafür habe ich heute einige Originale aus der Werkstatt des Saxofon-Erfinders Adolphe Sax und eine Reihe hervorragender Instrumente, auf denen ich spiele. Eines davon gehörte der Jazzlegende Sonny Rollins.

Wenn ich mein Baritonsaxofon an die Lippen setze, entfliehe ich den beruflichen Gedanken. Die hohe Konzentration erlaubt kein Abschweifen. Emotionen, die man im Business unter Kontrolle haben muss, können sich entfalten. Jazz ohne Leidenschaft gibt es nicht. Rhythmus, Swing, Groove treiben zur Kreativität. Für mich ist Jazzen der ideale Ausgleich, obwohl ich ziemlich viel üben muss, um mit Profis mithalten zu können. Jeden zweiten Freitag lade ich professionelle Jazzmusiker zu einem Konzert in mein Unternehmen ein. Ein Highlight, auf das ich mich immer wieder freue.

Trotz der scheinbaren Gegensätzlichkeiten gibt es zwischen Jazz und Management ziemlich viele Parallelen: Zentrale Frage in einer Jazzband ist der Grad an Freiheit, den man den einzelnen Musikern gibt, ohne dass der Zusammenhalt verloren geht. Im Jazz liefern der Song mit seiner Taktfolge und seinem harmonischen Aufbau sowie der Rhythmus den Rahmen, in dem sich der Musiker entfalten kann. Mit diesem Minimum an Regeln wird ein Höchstmaß an Kreativität erzeugt.

Auch in der Wirtschaft, insbesondere in der High-Tech-Industrie, wird in kleinen Teams gearbeitet. Denn mit langen Entscheidungsprozessen kommt man heute nicht mehr weit. Stattdessen sind kleine Gruppen gefragt, in denen jeder seine Talente entfalten kann, mal allein die Verantwortung trägt und mal seinen Beitrag zum Gelingen des Ganzen leistet. Wie in einer guten Jazzband: Jeder ist Solist, aber auch Begleiter und unterstützt die anderen Musiker.

Die Frage nach der benötigten Regelung ist in der Wirtschaft aber nicht so leicht zu beantworten. Werden zu wenige Regeln definiert, arbeitet jeder für sich, und nichts passt hinterher zusammen. Bei zu vielen Regelungen erstickt das Team schnell in Bürokratie. Dieses Gleichgewicht zwischen Chaos und Regelwerk ist das Wichtigste, was Jazz einem Manager vermitteln kann. Für Außenstehende ist es ein Rätsel, wie Jazzmusiker, die sich noch nie begegnet sind, ohne großes Einstudieren sofort miteinander spielen können. Das liegt daran, dass mit der Stückwahl die grundsätzlichen Rahmenbedingungen festliegen.

Und die Musiker haben die Jazztheorie als gemeinsame Sprache. Das Stichwort „Blues in G-Dur“ genügt, und schon weiß ein Jazzer Bescheid. In der internationalen Wirtschaft ist es bereits ein Segen, wenn ein Produktionsleiter aus Japan sich sofort mit seinem Kollegen aus Deutschland versteht, der von Stammdaten und Stücklisten spricht.

Mein Vorbild für lebenslange Kreativität ist Miles Davis. Der Trompeter war Mitte der 40er-Jahre des letzten Jahrhunderts zusammen mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Thelonious Monk maßgeblich an der Entwicklung des Bebop-Stils beteiligt. Mit der Plattenaufnahme „Birth of the cool“ hat er 1949 den Cooljazz mitbegründet, dann mit John Coltrane den modalen Jazz kreiert und später in der Zusammenarbeit mit Chick Corea den Rockjazz.

In so verschiedenen Stilrichtungen jedes Mal führend zu sein ist eine enorme Leistung. Jedem Unternehmer im High-Tech-Geschäft kann man so viel Innovationsfähigkeit nur wünschen. Unternehmen schaffen es häufig nur, in einer Innovationswelle zu dominieren, und verpassen den Anschluss an die nächste Entwicklung. Vielen, die selbst erfolgreich sind, fällt es oft schwer, sich an neuen Innovatoren zu orientieren.

Miles Davis hat seine Musiker mit ungewohnten Situationen konfrontiert, um ihnen die Routine zu rauben. Bei der Kultaufnahme „Kind of Blue“ hat er zum Beispiel zur Aufnahmesession neue Kompositionen mit ungewöhnlichen Harmonien vorgelegt. Die Musiker mussten ihre üblichen Phrasen vergessen. Dies wurde zu einer Sternstunde schöpferischer Musik.

Ähnliches funktioniert auch im Management. Meetings mit Brainstorming und heißen Diskussionen sind meist ergiebiger als Strategiesitzungen, auf denen jeder ein vorbereitetes Statement abgibt. British Airways hat die Führungsspitze während eines Seminars mal dazu gezwungen, in Flugzeugsitzen zu übernachten. Die Extremsituation sollte zu neuen Überlegungen zum Sitzkomfort motivieren.

Übrigens ist Improvisieren in einer Jazzband kein unüberlegtes Herumfaseln. Der Aufbau eines Solos muss vielmehr wirkungsvoll gestaltet werden. Wer sein Solo zu furios beginnt, dem gehen schnell hinterher die Ideen aus, und der Zuhörer folgt nicht mehr. Ein Solo muss Höhepunkte ansteuern und gezielt zum Schluss kommen. Eine ähnliche Choreografie benötigt auch eine Rede in einer Vorstandssitzung oder ein Kundenvortrag.

Menschen immer wieder neu in kreativer Stimmung zu halten, das ist die Kunst für einen Top-Manager wie für einen Bandleader. Duke Ellington brachte es einmal auf den Punkt: „It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing.“

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