Jean-Michel Basquiat stieg auf wie ein Komet und starb jung. Zwei Ausstellungen würdigen ihn
Hoch bezahlte Sehnsucht nach hyper-expressivem Primitivismus

Auf beiden Seiten des Atlantiks bemüht sich die Kunstgeschichte, die Kunst des Jean-Michel Basquiat aus den engen Gefilden des New Yorker East Village herauszulösen und in den kunsthistorischen Kontext einer internationalen Moderne zu platzieren.

NEW YORK. Dass der 1988 im Alter von nur 28 Jahren verstorbene Maler die herausragende Figur im Milieu Keith Harings und Kenny Scharfs war, ist unumstritten. Wie aber halten sich die borstig-schrillen und mit kryptischen Inschriften gespickten Strichfiguren im Vergleich zu Picasso, Dubuffet oder Cy Twombly?

Gleich zwei große Retrospektiven treten derzeit an, um Jean-Michel Basquiat dem Pantheon der Kunst des 20. Jahrhunderts ein Stück näher zu rücken. So zeigt das Museo d’Arte Moderna im schweizerischen Lugano insgesamt 70 Werken des Amerikaners, während das Brooklyn Museum of Art dem Künstler mit über 90 Gemälden und Zeichnungen, darunter Spitzenarbeiten wie „Notary“ und „Tuxedo“ sowie die aus 32 teils komplexen Zeichnungen bestehende „Daros Suite“ von 1982/83, das lange überfällige Heimspiel ausrichtet.

Schließlich war es hier, wo der Autodidakt als Sechsjähriger seine ersten Begegnungen mit der Malerei machte. Der Rest ist Geschichte: Vom „Club Kid“, vom Graffiti-Sprayer aus den „Ganglands“ von Downtown, über die Whitney Biennale von 1983, hin zum kometenhaften Aufstieg als höchstdotierter Jungstar an der Seite Andy Warhols; gleichzeitig Exzess und Drogensucht – und schließlich die tödliche Überdosis.

Nach zwei Jahrzehnten Abstraktion, Minimalismus und theorielastiger Konzeptkunst war die Zeit 1982 überreif für den hyper-expressiven Neo-Primitivismus eines Jean-Michel Basquiat. Flankiert von den Sehnsüchten einer multikulturellen Gesellschaft und beflügelt von einem beispiellosen Wirtschaftsboom, befriedigte der Maler – und seine Galeristen – lange tabuisierte Bedürfnisse nach Künstlerkult und Objektfetischismus.

Dass der Amerikaner jedoch nicht nur zum rechten Moment am richtigen Ort war, beweist die Schau in Brooklyn. So haben etwa die „Philistines“, ein „Gold Griot“ oder der totenkopfähnliche „Head“ aus der Sammlung Eli Broads die letzten beiden Jahrzehnte unlädiert überstanden, Arbeiten aus den Jahren 1981 bis 1983 – dem Höhepunkt in Basquiats kurzer Karriere – haben an ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft nichts eingebüßt.

Die Malerei des Amerikaners, das zeigt die historische Distanz, ist kein Anachronismus. Vielmehr befindet sich die Reaktion auf Basquiats mythisch-geheimnisvolle Ikonographie tatsächlich ganz im Einklang mit den Rezeptionsmechanismen der Moderne. Und dennoch muss der Blick auf Werke wie „Per Capita“ (1981), eine von zahlreichen Leihgaben des US-Sammlers Peter Brant, irritieren. So spielt sich das halluzinatorische Stakkato kaum entschlüsselbarer Worte und Symbole letztlich doch nur wie beim Graffiti an der Oberfläche ab.

Allzu verlockend also, eine „Strategie“ zu unterstellen: die Sehnsucht der Betrachter nach einem dekorativen Primitivismus mit dessen Mitteln ad absurdum zu führen. Und das auch noch zu Millionenpreisen. Doch erweist sich der künstlerische Kosmos Jean-Michel Basquiats mit seinen schwarzen Helden aus der Welt des Boxens und des Hip- Hop und seiner Auseinandersetzung mit der afroamerikanischen Diaspora als zu authentisch. Auch geht dem Künstler die beißende Ironie seiner Zeitgenossen ab.

Nach dieser Lesart entpuppt sich der Maler vielmehr als Opfer eines zügellosen Zynismus – und zwar des Marktes. Steht doch bis heute sein Name als Synonym für die fiebrige Jagd nach dem nächsten Jung-Star der Kunstszene: Auktionsrekord 5,5 Mill. Dollar. Tragische Todesfälle sind dem absatzfördernden Kultstatus dabei nur zuträglich.

Schon deshalb ist das Timing der Retrospektiven von Brooklyn und Lugano richtig auf die Minute. Denn wie würde wohl Jean-Michel Basquiat selbst den aktuellen Spekulationsboom auf dem Kunstmarkt kommentieren, der sich anstellt, das frenetische Treiben der achtziger Jahre noch in den Schatten zu stellen? Vielleicht mit „SAMO©“? So jedenfalls hatte der Künstler seine frühen Graffitis unterzeichnet: kurz für „Same Old Shit“.

„Jean-Michel Basquiat“ im Museo d’Arte Moderna in Lugano bis 19.6. Der Katalog kostet Euro 35,00; »www.mdam.ch. „Basquiat“ im Brooklyn Museum of Art bis 5.6. Der Katalog kostet 29,95 Dollar; »www.brooklynmuseum.org.

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