Jetzt macht Moore einen Wunsch abzukassieren wahr
Schreckschüsse

Trotz allen Jubels auf der Lesereise hinterlässt US-Autor Michael Moore einen bitteren Geschmack: In seinen früheren Werken schreibt er doppelzüngig.

Michael Moore ist der heimliche Literatur-Nobelpreisträger 2003. So sehen es offenbar die begeisterten Käufer seiner Bücher die die tausenden Zuhörer, die ihn bei seinen Lesungen in fünf deutschen Städten wie einen Popstar feierten. Und natürlich sieht es sein deutscher Verlag so, Piper in München, der gerade Moores gesamtes Oeuvre aus vergangenen Tagen auf den Markt wirft.

Darin findet sich so manch krude These. Nachgereicht hat Piper in diesem Jahr das schon 1997 erschienene Werk „Querschüsse“ („Downsize This“). Darin liest Moore – damals noch allein den US-Markt im Visier – den Deutschen anlässlich der Zwangsarbeiterdebatte kräftig die Leviten. „Deutschland hat für seine Sünden noch immer nicht bezahlt – ich will die Schulden eintreiben“, heißt es im zehnten Kapitel. Er wirft der Bundesrepublik ihren Wohlstand vor, als fuße der bis heute ausschließlich auf der Ausbeutung der Naziopfer.

Jetzt macht Moore einen Wunsch abzukassieren wahr. Angeheizt von einer Lesereise vor über 20 000 Besuchern und ganzseitigen Feuilleton-Artikeln wie jüngst in der Wochenzeitung „Die Zeit“ läuft das Geschäft mit alten und neuen Büchern wie geschmiert. Den Deutschen – inzwischen seine wichtigsten Bücherkäufer – widmet er in der deutschen Ausgabe seines neuen Buches gar ein eigenes Vorwort, das er mit „Seid gegrüßt, meine deutschen Freunde!“ beginnt. Moores Werke entfalten bei Erwachsenen eine ähnliche Wirkung wie der Zauberlehrling Harry Potter: „Querschüsse“ und der Vorgänger „Stupid White Men“ haben sich fast 1,6 Millionen Mal in Deutschland verkauft. Vom neuen Wurf „Volle Deckung, Mr. Bush!“ gingen letzte Woche 250 000 Exemplare über den Ladentisch.

Die Aufsatzsammlung „Querschüsse“ wurde auch sechs Jahre nach der Erstauflage unkommentiert publiziert. „Es gehört zur Autorenpflege, die Bücher schnell herauszubringen, solange das Interesse da ist“, sagt Eva Brenndörfer, Pressesprecherin des Piper Verlags. Das Beispiel zeigt, wie unausgegoren Moores Argumentation ausfällt. Er spricht unbequeme Wahrheiten aus, was im politischen Klima der USA Mut erfordert. Aus seinen Ansätzen entwickelt er nur sozialromantische Alternativen. Und die wiederholt er mit missionarischem Eifer.

Warum ist Moores Faszination so gewaltig, wenn seine Thesen der Realität hinterherhinken? Der Autor und Filmemacher („Bowling für Columbine“) ist in Zeiten weitverbreiteter Ressentiments gegen die USA für viele Deutsche die Inkarnation des guten Amerikaners. Fett und bebrillt, mit ewig schlecht sitzenden Jeans und Baseballkappe verkörpert er den kleinen Mann von der Straße, der aufbegehrt. Ein begnadeter Prediger, der aber seine Fans zum Nachdenken bringen will.

Genau das kommt zu kurz. Eine ernsthafte Diskussion seiner Thesen hat hier nicht stattgefunden. Moore erscheint als Prophet und Fürsprecher der Schwachen. Seine Grenzen stehen fest: Moores Thesen führen niemals zur Revolution.

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