Jimmie Durham
Die Welt ein bisschen anders betrachten

Jimmie Durham baut Triumphbögen zum persönlichen Gebrauch und zeigt Jesus mit beschnittenem rotem Penis. In Antwerpen ist nun seine erste umfassende Retrospektive zu sehen. Auf dem Kunstmarkt haben sich die Preise für seine Werke in den letzten zehn Jahren verdreifacht.
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AntwerpenJimmie Durhams Retrospektive im Museum für zeitgenössische Kunst in Antwerpen trägt bewusst denselben Titel wie seine erste Einzelausstellung 1985 in New York: “Eine Sache von Leben und Tod und Singen“. Durham war damals 40 Jahre alt, lebte in New Yorks Lower East Side und war manchmal so hungrig, dass er im Central Park nach essbaren Kräutern und Blumen suchte.

Inzwischen ist der gebürtige Cherokee-Indianer ein viel beschäftigter Künstler, der seine künstlerischen Wurzeln in New York, Mexiko, Belgien, Frankreich und Berlin hat. Besonders intensiv ist seine Bindung an Belgien – dank seiner Galeristin Micheline Szwajcer. Als Jan Hoet, Direktor des Museums für Zeitgenössische Kunst in Gent, 1992 Künstlerischer Leiter der Documenta IX in Kassel wird und Bart de Baere, heute Leiter des Antwerpener Museums für Zeitgenössische Kunst, als seinen Assistenten mitnimmt, ist auch die Installation „Approach in Love and Fear“ dabei, Durhams Auseinandersetzung mit Jesus.

Heute entfaltet das Werk in Antwerpen wieder seine alte Magie. Rätselhaft mutet der Kopf an, der aus Holz geschnitzt ist. Die linke Gesichtshälfte, unter dunklem Wurzelwerk versteckt, lässt die andere Hälfte mit dem schwarzen Auge und schwarzen Haaren, umso stärker sprechen. Die Figur sitzt auf einer Holztrage, unübersehbar der beschnittene rote Penis. Jesus war Jude.

Wiederholt wurde von der Kritik das Klischee von der „Identity Art“ ins Spiel gebracht. Durham konterte: “Identitätskunst“ sei ein Zwangsverhalten der europäischen Maler, wenn sie Jesus mit blonden Haaren und blauen Augen malten. Lächerlich sei das. Seine Kunst sei dagegen universell.

Kunst verfügt über das Potential, die Welt manchmal ein bisschen anders zu betrachten. Zum Beispiel Durhams Umgang mit indianischer Geschichte. Sie steht nicht in der sentimental-verlogenen Tradition der Traumfabrik Hollywood. Vielmehr zeigt sie die Zerrissenheit und Einsamkeit dieser Idole mit sparsamsten Mitteln so wie die Geschichte vom Indianermädchen „Pocahontas“ oder von „La Malinche“, die dem Spanischen Konquistador Cortez als Dolmetscherin und Geliebte diente.

Mit dem Denkmal „Cortez“ führt Durham den spanischen Eroberer als ausgemergelte Kriegmaschine mit versteinertem Blick vor, zusammengesetzt aus alten Rohren und dicken Seilen auf einem bedrohlichen Rollenuntersatz. Dagegen lassen sich Durhams bewegliche „Triumphbögen zum persönlichen Gebrauch“ aus leichten Metall mühelos hin- und herschieben.

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