Joe Henry ist ein bewusster Genießer
Große Filme fürs innere Auge

Joe Henrys CD liefert den Soundtrack für die blaue Stunde an der Bar, wenn Tom Waits schon gegangen ist.

Ich bin allen sinnlichen Freuden zugetan“, gesteht der Musiker Joe Henry aus Los Angeles. Man glaubt ihm aufs Wort. Nicht nur weil das blaue Strickpolohemd des 44-Jährigen über dem Bund ein ganz klein wenig spannt. Auch ein Blick über seinen Tisch im Kaminzimmer des Hamburger Park-Hyatt-Hotels verrät den bewussten Genießer. Zum stillen französischen Wasser und den holländischen Premium-Zigarillos gesellt sich gerade ein Gourmet-Salat. „Eigentlich habe ich erst gefrühstückt“, sagt Henry, der kam, um über seine neue Platte zu sprechen. „Kochen und Musikmachen haben eine ganze Menge gemeinsam“, sinniert der Hobbykoch, der den Kritiker sofort um den Finger gewickelt hat: denn seine neue CD „Tiny voices“ überzeugt schon beim ersten Hören.

„Viele meiner Figuren sind an einem Punkt ihres Lebens angekommen, an dem ihnen klar ist, dass sie es nicht mehr selbst in der Hand haben. Aber es gibt auch einige Liebeslieder. Wenn auch nicht im traditionellen Sinn“, sagt der Sänger über die Welt, die sich auftut, wenn sich seine „Tiny voices“ im Ohr festsetzen. Sie wispern von großen Geheimnissen und brennenden Herzen. Erzählen von Revoluzzern, die mit fliegenden Fahnen untergehen, und Frauen, die zurückbleiben. Raunen vom Scheitern und dem Wissen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt.

„Tiny voices“ liefert großartige Filme für das innere Auge, von Henry eigenwillig in Szene gesetzt. Er bat seine Musiker, sich Luis Buñuels Kinoklassiker „Das verbrecherische Leben des Archibald de la Cruz“ anzuschauen. Dessen „dunkle, surreale, Comic-hafte Atmosphäre sollte auch die Platte ausstrahlen“. Im Studio bekam die Band nur Songskizzen. Henry schrie „Los geht’s“ – und alle spielten, was ihnen dazu einfiel. Dieses in fünf Tagen entstandene Live-Material bearbeitete Henry anschließend weiter.

Das Ergebnis ist schillernd, denn Henry arbeitet mit großartigen Musikern wie dem Jazzer Don Byron, ließ aber gleichzeitig seinen breit gefächerten musikalischen Vorlieben freien Lauf. Ein Song wie „Flag“ ist der richtige Soundtrack für die blaue Stunde in der Bar ohne Wiederkehr, wenn Tom Waits schon nach Hause gegangen ist. „Your side of my world“ dürfte der beste Soul sein, den Van Morrison nie aufgenommen hat. Und „Dirty magazine“ beginnt wie Presleys „In the ghetto“, um als eine ätherische Ballade zu enden.

Dafür kassiert Henry das Lob bekannter Kollegen wie Elvis Costello oder Madonna, die einen seiner Texte für ihren Hit „Don’t tell me“ verwendete. Henry ist übrigens mit Madonnas Schwester Melanie verheiratet. Seit den gemeinsamen Highschooltagen hat sich gar nicht viel verändert, verrät Henry: „Madonna ist ziemlich genau das Mädchen geblieben, das ich kannte, als ich 15 war. Mit einem Unterschied: Heute trägt sie schickere Schuhe.“

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