Jörg Immendorff
Malerfürst, Maoist und Macho

Die Kunst des Loslassens war wohl die letzte und größte Herausforderung für ihn: Der Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff ist am Pfingstmontag im Alter von 61 Jahren in seinem Haus in Düsseldorf gestorben. Er litt seit Jahren an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS.

DÜSSELDORF. Das lebensbedrohliche und lähmende Leiden konnte den Künstler jedoch die längste Zeit nicht von seinen Leidenschaften abhalten. „Für mich gibt es nur Kunst und Kampf“, sagte er vor zweieinhalb Jahren in einem Stern-Interview. Er machte und malte weiter „mit schlafenden Händen“, komponierte Werke, die zuletzt andere ausführten.

In der Regel kann man ALS nur drei bis fünf Jahre überleben. Das Multitalent Immendorff übertraf auch in dieser Disziplin seine Mitstreiter in seinem persönlichen Kampf ums Leben, ums Überleben – mit all seiner Schaffenskraft. „Ich lebe durch die Kunst“, hat er einmal gesagt. Es gab noch genügend Aufträge von außen und aus dem eigenen Inneren: Ein Bilderbuch für seine 2001 geboreneTochter wollte er unbedingt machen. „15 Affen für Ida“ erschien 2005.

Die Affen – die immer auch aussehen wie kleine Teufel –, sie sind sein Markenzeichen. Sie flankieren auch eines seiner letzten Werke, das goldene Porträt von Ex-Kanzler Gerhard Schröder, das er im März persönlich dem Porträtierten übergab, geschenkt, wie es heißt. Der reichte es weiter als Dauerleihgabe an die Ahnengalerie im Bundeskanzleramt.

„Mit Jörg Immendorff verlieren wir einen der größten Maler Deutschlands“, würdigte Schröder gestern seinen Freund. „Er hat mich oft auf meinen Auslandsreisen begleitet und dazu beigetragen, den Ruf Deutschlands als Kulturnation zu mehren.“

Immendorff liebte öffentliche Auftritte. Das Nachkriegskind, am 14. Juni 1945 im niedersächsischen Bleckede als Sohn eines Offiziers und einer Sekretärin geboren, war immer auch laut. Es spielte Trompete im Kirchenchor, übte im Wald – die Tiere flüchteten.

Seinen ersten Job hat er mit 16 Jahren in einem Bonner Jazzkeller. Nach der mittleren Reife studiert er an der Düsseldorfer Kunstakademie, zuerst beim Bühnenbildner und Maler Teo Otto, dann bei Joseph Beuys. Der inspiriert seinen Meisterschüler, der ihm einmal in einer selbst gebastelten Papp-Ritterrüstung huldigt, nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch.

In der Düsseldorfer Akademie wird in diesen legendären späten 60er-Jahren nicht nur gemalt, sondern auch gemault. Protest- und Aktionsprogramme wie die 1969 vom Kultusminister verbotene „Lidl-Akademie“ führen zum Verweis Immendorffs von der Akademie. Auch Weltkünstler Beuys muss dort bekanntlich seinen berühmten Hut nehmen. Immendorff darf allerdings 1996 als Professor zurückkehren.

Nicht wenige Düsseldorfer können heute übrigens damit angeben, Immendorff-Schüler gewesen zu sein: Der Maler unterrichtet von 1968 bis 1980 an einer Düsseldorfer Hauptschule. Mitte der 70er-Jahre gehört der bekennende Maoist mit Markus Lüpertz und A. R. Penck zu den „Neuen Wilden“. Immendorff gilt als ziemlich links: sichtbar auch mit seiner „Roten Zelle Kunst“. Richtig Furore macht er mit seinem Zyklus „Café Deutschland“: bunte, laute, dicht bevölkerte Bilder, höchstpersönliche Sichtweisen von Teilung und Wiedervereinigung. Zwar wird Immendorffs Malerei oft als „verrätselt“ und „undeutbar“ verstanden – oder auch nicht –, doch das tat seiner Karriere keinen Abbruch. Im Gegenteil.

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