Johannes Grützke
Monumentale Selbstanklage

Johannes Grützke will die Betrachter seiner Bilder nicht schonen. Im Berliner Ephraim Palais lässt sich sein Werk studieren. Auf dem Kunstmarkt wird er unterbewertet. Dabei können die grotesken Selbstporträts des Künstlers mit den Grinse-Männern des hoch bezahlten Chinesen Yue Minjun gut mithalten.
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BerlinMit dem Etikett „Schule der neuen Prächtigkeit“ trat der Berliner Maler Johannes Grützke 1973 mit satirischem Aplomb in die deutsche Kunstszene. Das war keine selbstherrliche Pose, sondern Ausdruck eines kritischen Zeitgefühls, das sich durch Übertreibung, beißenden Spott und extravagantes Pathos vom allgemeinen Kunstbetrieb absetzte. Es war die Zeit, in der Pop Art und Minimal Art regierten und der Kunstmarkt jedweder Spielart realistischer Malerei ablehnend gegenüberstand. Die rund 200 Werke, vor allem Gemälde und Druckgraphik, die jetzt das Berliner Stadtmuseum im Ephraim Palais zeigt, geben tiefen Einblick in das Kernwerk des Malers. Anlass ist die Verleihung des Hannah-Höch-Preises an den Künstler.

Grützke ist seit nunmehr 50 Jahren tätig und hatte 1972 in London seinen ersten internationalen Auftritt. Weltruhm hat ihm das nicht gebracht, dafür waren seine Themen und seine Malerei zu deutsch und zu selbstbezogen, auch wenn die vielfachen Brechungen des Ich im Bild stets einen ausgesprochen sarkastischen Beigeschmack haben. Dabei können die grotesken Selbstporträts des Berliners den multiplen, grinsenden Selbstbildnissen des hoch bezahlten Chinesen Yue Minjun durchaus als Vorbild gedient haben.

Übertriebenes Lachen 

Wer die Ausstellung in zwei Stockwerken des Ephraim Palais abschreitet, empfindet diese meist im Großformat auftrumpfende Malerei als private bundesdeutsche Antwort auf den staatlich verordneten sozialistischen Realismus der DDR. Da gibt es ein Bild von 1970, in dem der rote Staatslenker Walter Ulbricht von vier lachenden Frauen in Volkstracht an hoch erhobener Hand geführt wird. Diese Hände sind übergroß, der Anzug eine Nummer zu groß, das Lachen der Frauen wirkt übertrieben. Das Ganze ist in Untersicht gemalt, ein monumentalisierender Kunstgriff, den die Kunstgeschichte von Andachts- und Historienbildern kennt, und den Grützke auch in anderen Werken gern als ironisches Ausdrucksmittel einsetzt.

Das eigene Ich, das uns in den großen Figurenbildern immer wieder und oft in doppelter Gestalt begegnet, erscheint meist fremdbestimmt und wie von ohnmächtigem Eifer getrieben. Das Historienbild gewinnt in Grützkes Visionen eine neue, betont böse gesellschaftskritische Qualität. Im „Einzug nach Jerusalem I“ (1990) posiert ein androgyner Christus auf dem Esel zwischen einer Beweinung und kritischen Spießerblicken. Die vierte Fassung dieses Gemäldes kam 2008 in der Villa Grisebach für 13 500 Euro unter den Hammer.

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