John Baldessari
Die Jagd nach dem Bein der Venus

John Baldessari mixt für seine neue Werkgruppe vorgefundene Bildmotive aus dem Städel und Textstellen aus Hollywoodfilmen. Sie kreisen um die Absurditäten des Kunstmarkts. Das Städel würde gern eines seiner Bilder erwerben, kann es sich jedoch nicht leisten. Ein Ankauf könnte nur mit fremder Hilfe gelingen.

FrankfurtMax Hollein wäre nicht der ehrgeizige Direktor, der sein Haus in der internationalen Riege der Kunstmuseen etablieren wollte, hätte er nicht zum Abschluss des Sonderprogramms für das Jubiläum 200 Jahre Städel in Frankfurt einen Coup gelandet. Bei der letzten Ausstellung schicken er und Kurator Martin Engler das Publikum auf eine Art Schnitzeljagd durch die weitläufigen Sammlungsräume.

Anlass dazu gibt ein weltweit einmaliges Vorhaben. John Baldessari, Jahrgang 1931, der letzte noch lebende Künstler der amerikanischen Nachkriegsavantgarde und Wegbereiter der der Konzeptkunst, zeigt das außergewöhnliche Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit dem Städel Museum. Das Projekt mit dem Titel „John Baldessari. The Städel Paintings“ umfasst 16 großformatige Arbeiten. Jede nimmt Bezug auf ein Detail eines Werks der Städel-Sammlung, von der Klassik bis zur Moderne.

Kunsthistorische Detektivarbeit

Oft kann nur ein geschultes Auge registrieren, aus welchem Bild sich Baldessari bedient hat. Da sieht man zum Beispiel nur eine Hand, eine Hüfte und ein Bein der Venus von Lucas Cranach dem Älteren oder bloß das Blumensträußchen und die graziösen Finger der Kurtisane von Bartolomeo Veneto. Von Dirck van Baburens singendem jungen Mann hat Baldessari nur die Feder am Hut und das Ohr in sein Bildwerk übernommen.

Ebenso schwierig wird eine Identifizierung der Viehweide unter Bäumen von Lucas van Valckenborch. Auf diesem Gemälde ist ganz klein und wie nebensächlich am unteren Rand eines dominierenden Laubwald-Panoramas eine Magd zu sehen, die eine Kuh melkt, während sich ein Bursche mit gekreuzten Armen auf das Tier stützt und ihr zuschaut. Baldessari hat sich Kuh, Magd und Mann für sein Bildprogramm ausgeliehen. Vollends kunsthistorische Detektivarbeit ist bei einer geschälten Zitrone zu leisten. Sie stammt aus dem üppigen Prunkstilleben mit Früchten, Pasteten und Trinkgeschirr von Jan Davidsz de Heem.

Funktioniert der Ausschnitt als Bild?

Natürlich geht es bei Baldessaris Arbeiten nicht um ein fröhliches Bilderraten, auch wenn sich nicht wenige Besucher auf die Suche machen werden, wo denn das Werk in der Sammlung hängt, das den Meister von der US-Westküste inspiriert hat. Den aber interessiert vielmehr, ob der ausgewählte Ausschnitt isoliert vom alten Kontext selbstständig als Bild funktioniert.

Neben oder unter den mit Tintenstrahldruck überdimensional ausgegebenen Teilen aus den Gemälden der Kollegen ist eine Textpartie angebracht. Sie enthält kleine Dialoge, in Form von Filmskripts. Neben den Cranach'schen Venus-Partien ist zu lesen: „Der Raum ist schmucklos und staubig. Ein Deckenventilator dreht sich …. Craig: Hast du einen Anlageberater, Lotte? - Lotte: Ich befasse mich schon jetzt mit genug Ganoven.“  Die Textpassagen stammen tatsächlich aus realen Drehbüchern für Hollywoodfilme, die der Künstler aufgekauft hat. Inhaltlich geht es nicht von ungefähr meist um Galeristen, Sammler, Kunstmessen und natürlich Geld. Baldessari bleibt seiner Obsession treu, sich kritisch mit der Verfasstheit von Kunst und ihrer gesellschaftlichen Rolle auseinanderzusetzen.

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Die Jagd nach dem Bein der Venus

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Absurditäten auf dem Kunstmarkt

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