John Coplans
Liebe Dich selbst

Die Wiener Albertina erinnert an das Werk des amerikanischen Fotokünstlers und Malers John Coplans. Mit ausgestellt sind die Werke geistesverwandter Künstler. Sammler haben Coplans Werk bislang nur punktuell entdeckt.
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WienEin großer Titel: „Körper als Protest“ nennt sich eine kürzlich eröffnete Gruppenausstellung in der Wiener Albertina. Sie versammelt 40 Foto- und Videoarbeiten von acht Künstlerinnen und Künstlern, entstanden zwischen 1967 und 2000. Es ist die erste thematische Schau von Walter Moser, der seit 2011 die Fotosammlung des Hauses leitet.

Die beiden Wörtern „Körper“ und „Protest“ setzen sofort eine Assoziationsmaschinerie in Gang. Man denkt an die Moderne, die den Leib als Maschine oder Fragment begriff und an die Body-, Aktions- und Performancekunst, die in den 1960er-Jahren ihren Anfang nahm. Doch dieser Kontext wird weitgehend ignoriert. Stattdessen zieht sich die Schau auf einen engen Fokus zurück und gruppiert ihre Exponate rund um das Werk von John Coplans, des Fotografen, Malers und Mitbegründer der renommierten Kunstzeitschrift Artforum, deren Chefredakteur er von 1971 bis 1977 war. Man habe Positionen beleuchten wollen, die „weniger plakativ“ seien, erklärt der Kurator. Im Ausstellungskatalog versucht ein Aufsatz immerhin den in Wien beinahe unvermeidlichen „Wiener Aktionismus“ mit den ausgestellten Werken in Verbindung zu bringen.

Erbarmungslose Selbstbetrachtung

Coplans’ großformatige Fotos nehmen den eigenen – alternden – Körper erbarmungslos unter die Lupe. In seiner Fotoarbeit „Frieze No. 6“ etwa, die in zwei mal sechs leicht verschobene Fragmente unterteilt ist, sieht man seinen eher vollschlanken, nackten Rumpf zweimal von der Seite. In „Self-Portrait, Six Times“ präsentiert er seinen Körper in Fotomodel-Posen – was freilich eher komödiantisch als schockierend wirkt. Den vom Ausstellungstitel suggerierten Tabubruch hat man sich, trotz aller Verweigerung gegenüber schrilleren Positionen, für diese Ausstellung dennoch auf die Fahnen geschrieben. Ob ein behaarter Rücken, wie Coplans ihn abbildet („Self Portrait Back with Arms Above“, 1984), im Entstehungsjahr 1984 tatsächlich an großen Tabus rütteln wollte, ebenso wie seine Selbstporträts im vorgerückten Alter, darf allerdings bezweifelt werden.

Punktuelle Wertschätzung

Im Auktionsgeschäft sind Coplans’ Arbeiten bisher nur punktuell angekommen: Ein Abzug des sechsfachen Selbstporträts (aus einer Edition von zwölf) wurde 2008 für 18.750 Euro bei Christie’s Paris versteigert, sein „Self Portrait Back with Arms Above“ kostete bei Christie’s New York 2006 umgerechnet 9.700 Euro; damit erreichten seine Arbeiten allerdings einsame Spitzen – die Preise auch für großformatige Fotografien in vergleichbarer Auflage pendelten in der vergangenen Dekade meist zwischen 1.000 und 3.500 Euro.

Körper als Monument

Ungeachtet dessen beeindrucken die Fotografien in ihrer Direktheit und Monumentalität. Allerdings gehen die Werke anderer Künstler in der Ausstellung, die thematisch mit Coplans’ Arbeiten verbunden sind, weiter. So erscheinen etwa in den Schwarzweiß-Fotos von Miyako Ishiuchi Körper, deren Alterungsprozess schon weitaus fortgeschrittener ist – unübersehbar dabei ist das Interesse an der differenzierten Struktur gealterter Hautoberflächen, eine richtiggehend liebevolle Zuwendung. Ebenso bemerkenswert: Hannah Villigers „Block XXXI“, eine sechsteilige großformatige Arbeit aus Polaroids, in denen die Künstlerin Teile ihres Körpers von oben und seitlich – wie Coplans ohne Kopf – ablichtete und so zusammensetzte, dass sich kein räumlicher Zusammenhang ergibt.

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