Jonathan Franzen
Die traurige Last der Freiheit

11. September, Irak-Krieg, Immobilienblase und Apple-Wahn: In seinem neuen Roman lässt Jonathan Franzen eine depressive Familie zum Sinnbild für Amerika werden. Die 730 Seiten des Meisterwerks muss man sich hart erarbeiten.
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BERLIN. Da traut sich einer was. Ganze 730 Seiten widmet Jonathan Franzen einer einzigen Mittelstandsfamilie und flicht aus dem Leben von Walter, Patty, Jessica und Joey Berglund ein Porträt amerikanischer Wirklichkeit seit den 1990er Jahren - 11. September, Irak-Krieg, Immobilienblase und Apple-Wahn inklusive.

Seit Mittwoch ist Franzens vierter Roman "Freiheit" auch bei uns im Handel; um eine Woche hat der Rowohlt-Verlag die deutsche Veröffentlichung vorgezogen. Denn der Sog des amerikanischen Hypes will genutzt werden: Während die "New York Times" Franzen in eine Reihe mit Dickens, Tolstoi, Bellow und Thomas Mann stellt, hat das Magazin "Time" dem "Great American Novellist" sogar seinen Titel gewidmet.

Keine Frage: Jonathan Franzens neuer Roman ist ein Meisterwerk, aber eines, das man sich in seinen vielen Schattierungen erst erarbeiten muss. Sein Buch über die Berglunds, die erst durch ihr grandioses Scheitern interessant werden, ist so disparat wie die amerikanische Gesellschaft, die er porträtiert. Ähnlich wie in seinem Weltbestseller von 2001 "Die Korrekturen" greift der Autor das Schicksal jedes Familienmitglieds auf, doch "Freiheit" ist in seiner Struktur frecher und vielfältiger. Mutig experimentiert Franzen mit Genres: Er baut die Autobiografie der traurigen Hausfrau Patty ein, ausufernde Dialogszenen und ein Interview.

"Freiheit" ist ein zutiefst depressives Buch - auch wenn Franzen mit lebensprallen Sexszenen jongliert und den Niedergang der Familie in der Figur des Sohnes ironisch in Szene setzt. Mit strenger Moral herrscht Franzen über seine Figuren, die banal daran scheitern, gut und glücklich sein zu wollen. Ihr Leben wird von einfachen Prämissen bestimmt: Patty will eine gute Mutter sein; Walter sich als Umweltschützer engagieren. Alles geht schief: Patty verliert ihren Sohn, der zu einer schrägen Nachbarin zieht und später in einen illegalen Irak-Handel verwickelt wird. Walter gerät in die Fänge einer von der Kohleindustrie finanzierten Stiftung, die seine Naivität ausnutzt.

Tiefe Schwermütigkeit macht den Berglunds ihr Leben zur Hölle. Denn aus dem Freiheitsversprechen, das Pioniere wie Walters Großvater Einar Berglund einst nach Amerika lockte, ist die Last der Selbstverwirklichung geworden. Der Autor geißelt ein von Kommerz geprägtes Land, in dem schon der Erwerb eines iPods als "Akt der Weltverbesserung" gilt. Da nimmt es fast wunder, dass Franzen seinem Familienepos ein versöhnliches, fast märchenhaftes Ende beschert. Die Berglunds finden auf fragile Weise wieder zusammen: Wenn das kein Omen für Amerika ist.

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