Joseph Beuys
Wo Sportschlitten wie Jagdhunde ins Museum drängen

Die Provokationen von Joseph Beuys sind Geschichte. Was bleibt, ist ein großartiges, sehr modernes Werk, das vom Gedanken der Menschlichkeit durchdrungen ist. Neben Andy Warhol gilt er als wichtigster Wegbereiter eines neuen Kunstverständnisses.
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DÜSSELDORF. Joseph Beuys (1921-1986) war zu Lebzeiten außerordentlich beliebt bei seinen Schülern, Sammlern und Anhängern, gilt er doch als wichtigster Wegbereiter eines neuen Kunstverständnisses neben Andy Warhol. Beuys war verhasst beim Spießer, der seine Aktionen als Ärgernis empfand, und bei Johannes Rau.

Der Minister erteilte dem Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie 1972 Hausverbot, weil er sich über eine Zulassungsbeschränkung hinweggesetzt hatte und 268 statt 30 Studenten in seiner Klasse aufnahm. Beuys hat sich für direkte Demokratie eingesetzt und ab 1979 für die Grünen kandidiert.

Den Homo politicus blendet die große, sehenswerte Beuys-Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen weitgehend aus. In dem von Direktorin Marion Ackermann und Isabelle Malz kuratierten Quadriennale-Beitrag steht der Bildhauer und Künstler Joseph Beuys im Zentrum (bis 16.1.). Auf 3 000 Quadratmeter in drei Hallen sind 300 Werke aus eigenem Bestand und Leihgaben aus aller Welt ausgebreitet, aber keine Dokumentationen, keine Erläuterungstexte und nur fünf Filmaufzeichnungen von Aktionen. Das mag alle jene ärgern, die die Aktionen für das Zentrum von Beuys’ Werk halten.

Doch der frische Blick der Kuratorinnen führt überzeugend ein in das facettenreiche Werk. So wie sie die Chronologie von Beuys’ künstlerischem Denken und Handeln entwerfen, wird das Auge sensibilisiert für plastische, bildhauerische Werte. Das „Hasengrab“ (1962-67) etwa besteht auf den ersten Blick aus einem Brett mit abfallähnlichem Medizingerät, Fett und Farbe. „Aber hier bricht Beuys mit der bildhauerischen Tradition und dem geschlossenen Bildkörper“, erläutert Ackermann.

Ob in Zeichnungen, Skulptur oder Installationen: Beuys’ Sorge um die Kreatur, sein Blick für Verletzungen, sein Wunsch nach Weltverbesserung vermittelt sich unmittelbar durch die Werke. Nicht nur auf der Baby-Badewanne aus der Sammlung des Verlegers Lothar Schirmer kleben Heftpflaster – deutlicher Ausdruck der Sehnsucht nach Heilung.

In einem rhythmischen Wechsel aus Weite und vertiefenden Kabinetten führt die Ausstellung Beuys’ Beschäftigung mit Natur und Landschaft, dem menschlichen Körper, dem Bild vom Paar, vom Tier (Hase, Hirsch) und der Symbolform Kreuz ein. Ackermann hat die Ausstellung mit Beuys „Parallelprozesse“ genannt. Bildkünstlerisches Arbeiten und das Reden darüber bilden bei Beuys eine Einheit. „Aber auch die Überlagerung von Themen betrachten wir als Parallelprozesse“, so die Direktorin.

Unter den vorzüglich präsentierten Großinstallationen sticht „Das Rudel“ heraus. 1969 hat Beuys den gebrauchten VW-Bus seines Galeristen René Block hinter 24 Sportschlitten (made in DDR) mit Fett und Filz gespannt. Deren Aufstellung ist nicht dokumentiert. Doch wie „Das Rudel“ zum Raum in Beziehung gesetzt ist, wirkt es lebendig – als stürme eine Meute Schlittenhunde das Museum.

Mitarbeit: Stefan Kobel

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